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MEDIA RESEARCH BLOG

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Corona im Wissenschaftsjournalismus: "Es gab nur noch ein Thema“

Corona im Wissenschaftsjournalismus: "Es gab nur noch ein Thema“

16.11.2020

Irene Broer erforschte gerade das Science Media Center Germany, als erste Nachrichten über eine „mysteriöse Lungenkrankheit“ in China die Redakteur*innen erreichten. In den folgenden Wochen wurde sie Zeugin einer journalistischen Ausnahmesituation. Im Media Research Blog-Interview berichtet sie davon.
Es ist nicht immer die Forscherin, die ihr Thema findet. Manchmal findet auch das Thema seine Forscherin. Anfang Januar 2020 war Irene Broer losgezogen, um in einer vierwöchigen Redaktionsethnographie zu erforschen, wie die Redakteur*innen des Science Media Center Germany (SMC)  in Köln arbeiten. Das SMC ist eine Art Nachrichtenagentur für wissenschaftliche Themen, mit dem Unterschied, dass es die Nachrichten nicht nur einfach an Journalist*innen weitergibt, sondern sie auch erklärt und einordnet.

Unter anderem wollte Irene besser verstehen, wie die Redakteur*innen ihre Themen auswählen. Doch dann kam das Virus. Das Thema Corona dominierte und die Redaktion war plötzlich gezwungen, neue Wege auf unsicherem Terrain zu gehen. Ihre Beobachtungen aus dieser journalistischen Ausnahmesituation hat Irene Broer nun im Journal for Science Communication veröffentlicht.
 
Kannst Du dich an den Moment erinnern, als das Virus zum ersten Mal im Newsroom erwähnt wurde?
Das war tatsächlich am allerersten Tag meines Forschungsaufenthaltes. Es war der 6. Januar 2020, der erste Montag des neuen Jahres. In den Wochen zuvor hatte man in China den Ausbruch einer neuartigen Lungenentzündung bestätigt. In der morgendlichen Redaktionssitzung wurde das gleich thematisiert.
 
Wie hat man das Virus zum damaligen Zeitpunkt in der Redaktion wahrgenommen?
In meinen ersten Tagen am SMC sprach man noch von einer „mysteriösen Lungenkrankheit“. Man wusste einfach nicht mehr darüber. Der Wissensstand hat sich dann mit jedem Tag verändert, eine Herausforderung für die Redakteur*innen, weil zu dieser Zeit auch Wissenschaftler*innen noch keine Einordnung bieten konnten. Eine Zeit lang ging man davon aus, dass sich diese Krankheit nur vom Tier auf den Menschen überträgt. Bald wurde aber klar, dass es sich um ein Virus aus der Familie der Coronaviren handelt und, dass dieses auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
 
Ab welchem Zeitpunkt war den Redakteur*innen klar: Das wird etwas Großes?
Die Möglichkeit eines internationalen Ausbruchs wurde schon diskutiert, nachdem das Virus weitere Metropolen in China und Südostasien erreicht hatte. Doch erst als das Virus in Europa eintraf, änderte sich die Stimmung im SMC drastisch. Am 24. Januar wurde der erste Coronafall in Frankreich bestätigt, drei Tage später gab es einen weiteren Fall in Bayern. Da wusste man: Das ist keine auf Asien beschränkte Epidemie, sondern könnte eine Pandemie werden. Ab da hat sich im Redaktionsalltag des SMC einiges geändert: Corona wurde Thema Nummer eins.

Heute hat man beinahe vergessen, dass es am Anfang des Jahres noch andere prominente Themen im öffentlichen Diskurs gab, etwa die Buschbrände in Australien oder die Organspende-Debatte im deutschen Bundestag. Solche Themen hat man in der Redaktion hintangestellt. Alles hat sich auf das Virus fokussiert.
Ein Betriebsausflug wurde abgesagt, an den Wochenenden wurde durchgearbeitet. Das war noch im Januar! Zu einer Zeit, als in Deutschland von Lockdown noch lange nicht die Rede war.
 
Wie war die Stimmung in der Redaktion?
Ernst, aber nicht angespannt. Wenn ich mir jetzt, im November 2020, meine Aufzeichnungen aus dem Januar durchlese, fällt mir allerdings auf, wie optimistisch die Redakteur*innen damals noch waren. Einige von ihnen haben als Journalist*innen schon den einen oder anderen Virusausbruch miterlebt – SARS, Schweinegrippe, MERS, Ebola – doch alle waren davon überzeugt, dass man die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus mit Quarantänemaßnahmen und Kontaktverfolgung auf jeden Fall in Deutschland würde verhindern können.
 
Was waren die größten Herausforderungen in dieser Situation?
Nicht nur das Virus hat sich rasend schnell verbreitet, sondern auch der Wissensstand darüber ist rasant gewachsen. Die Redakteur*innen mussten extrem schnell und sorgfältig arbeiten und ihre Aussendungen ständig „à jour“ halten.
Außerdem mussten sie mit der Unsicherheit umgehen, die rund um das Thema bestand und zum Teil immer noch besteht. Hinzukam das enorme Informationsbedürfnis innerhalb der Gesellschaft. Es war ein Balanceakt. Das SMC musste einerseits die Unsicherheit und andererseits die rasche Weiterentwicklung des Wissens über das Virus beschreiben und an Journalist*innen weitergeben.
 
Wie haben sie das gemacht?
Ziemlich rasch haben sie eine kommentierte Publikationsliste mit allen Veröffentlichungen zu Corona aufgesetzt. Es ist ein digitales Textdokument, auf das alle beim SMC akkreditierten Journalist*innen Zugriff haben. Die Liste wird laufend erweitert und zählt mittlerweile an die 300 Seiten. Neue Publikationen werden von den Redakteur*innen des SMC nach ihrer Relevanz ausgewählt, mit Kurzzusammenfassung versehen und nach Wichtigkeit bewertet. Zu diesem Zweck haben sie ein eigenes Klassifikationssystem entwickelt, sodass Journalist*innen auf den ersten Blick erkennen, welche Publikation besonders relevant ist und welche, aufgrund von beispielsweise unbestätigter Hypothesen oder unklarer Qualität, mit Vorsicht zu genießen ist.

Es wurden auch weitere neue Formate etabliert. In einem Corona Report informierte das SMC zuerst täglich, mittlerweile wöchentlich, über neue Entwicklungen, interpretierte Zahlen und Statistiken und erklärte  – uns heute recht geläufige – Begriffe wie „exponentielles Wachstum“, „Reproduktionszahl R“, „logarithmische Skalen“. Sie fingen auch an, virtuelle Pressegespräche zu organisieren, die Expert*innen und Journalist*innen ohne allzu viel Zeitaufwand an einem Ort versammeln, damit neue Entwicklungen schnell für die Öffentlichkeit eingeordnet werden können.
 
War das Science Media Center auf diese Art von Krise vorbereitet? Hatten sie „wissenschaftsjournalistische Pandemiepläne“?
Ja, und das hat interessanterweise auch etwas seiner Gründungsgeschichte zu tun. Das SMC Germany ist nämlich gewissermaßen als Reaktion auf eine andere Pandemie ins Leben gerufen worden. Während der Schweinegrippe in den Jahren 2009/10 war der spätere SMC-Redaktionsleiter Volker Stollorz noch selbst als Wissenschaftsjournalist tätig und vermisste die wissenschaftliche Expertise in der Berichterstellung über das Virus. Eine zentrale Stelle, die Erkenntnisse über die Pandemie bündelt und Expert*innen an Journalist*innen vermittelt, wäre da hilfreich gewesen. Aufbauend auf dieser Erfahrung und nach dem Vorbild des SMC in Großbritannien hat er 2015 das SMC Germany mitgegründet.

Anfang 2020 verfügte das SCM Germany bereits über eine große Datenbank und pflegte gute Kontakte zu Expert*innen aus unterschiedlichen Bereichen. Sobald klar war, dass es sich hier um ein Coronavirus handelt, konnte die Datenbank die dafür zuständigen Expert*innen in Deutschland auswerfen. Aber auch die langjährigen persönlichen Beziehungen zu den Expert*innen waren in einer so volatilen Situation besonders hilfreich.
 
Wie haben die Redakteur*innen ihre Rolle in dieser Pandemie wahrgenommen?
Ich habe im Oktober 2020 noch einmal einen Forschungsaufenthalt in der Redaktion verbracht und mein genereller Eindruck war, dass die Pandemie eine Art Katalysator für das SMC bildet, der seine Identität als Wissens- und Wissenschaftsvermittler im Journalismus gestärkt hat.
 
Wie sehr musstest Du durch das Auftauchen des Corona-Themas von deinem Forschungsplan abweichen?
Ursprünglich wollte ich unter anderem die Prozesse der Themenauswahl erforschen. Ich wollte herausfinden, nach welchen Kriterien die Redakteur*innen die Themen gewichten und als publizierenswert erachten. Im Januar hat sich dann gezeigt, wie sehr ein Thema, das rasch an öffentlicher Relevanz gewinnt, die gesamten Arbeitsabläufe und die Rollenwahrnehmung einer Redaktion prägen kann. Praktisch gab es ab Ende Januar nur noch das eine Thema, weil sich die Redaktion in ihrer Themenauswahl immer wieder für die Berichterstattung über das Virus entschied, um so die akkreditierten Journalist*innen mit der wissenschaftlichen Expertise zu unterstützen, die in dem Moment so gebraucht wurde.

Die Welt ist nicht statisch. Wer ethnographische Forschung betreibt, der muss manchmal auf sich ändernde Umstände reagieren. Und das ist vielleicht gerade das Spannende.
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Über die Ethnographie als Methode zur Erforschung des Journalismus sprach Irene bereits ausfühlich in Episode 57 des BredowCasts.
 

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