Hamburg, 03.06.2026. Ein zwischen Medienrecht und Informatik angesiedeltes Projekt macht die Funktionsweisen der Nachrichtenverbreitung auf digitalen Plattformen mit einer innovativen Methode sichtbar und bietet der Medienregulierung damit Anknüpfungsmöglichkeiten für regulatorische Ansätze. Das Projekt wurde von einem Team im Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) und dem Fachbereich Informatik der Universität Hamburg durchgeführt und durch die VolkswagenStiftung gefördert. Projektergebnisse finden sich als Video auf YouTube.
Im Zuge der Digitalisierung sind im Bereich der öffentlichen Kommunikation neue Akteure aktiv, und oft kommen algorithmische Systeme und andere Technologien zum Einsatz, die auch neue Ansätze in der Medienregulierung erforderlich machen. War bislang vor allem die Erhaltung von Medienvielfalt das Ziel, bestimmen nun nicht mehr einzelne Akteure, sondern komplexe Systeme, welche Chance ein bestimmter Inhalt hat, wahrgenommen zu werden.
An den Fallbeispielen „Google News“ und der amerikanischen Social-Networking-Plattform „Parler“ hat das Projekt eine neue sogenannte „Socio-Technical Ecosystem Architecture Method“ (STEAM) entwickelt. Diese Methode ermöglicht eine ganzheitliche Sicht auf die Nachrichtenverbreitung in einem Ökosystem wie Google und trägt dazu bei, diese Ökosysteme mit ihren Beziehungen zwischen Akteuren, Datenflüssen und Software-Komponenten so darzustellen, dass sich Probleme identifizieren und wenn nötig Anknüpfungsmöglichkeiten für neue regulatorische Ansätze erkennen lassen.
Entwicklung der Methode
Ziel des Projekts war es, eine sozio-technische Ökosystem-Architektur-Methodik zu entwickeln. Diese Methode baut auf bestehenden Architekturkonzepten der Informatik auf und ergänzt sie um normative Konzepte und Frameworks mit juristischem und ethischem Hintergrund sowie Ansätze des Horizon Scannings, um so eine ganzheitliche Beschreibung eines Ökosystems, seiner Akteure und seiner Handlungsdynamiken zu ermöglichen und Gefahren für die öffentliche Kommunikation sowie geeignete Anknüpfungspunkte für ihr regulatorisches Entgegenwirken sichtbar zu machen.
Bei der Generierung, Aggregation, Selektion, Kuratierung und Priorisierung von journalistischen Inhalten haben neuartige Akteure und von ihnen eingesetzte Technologien, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), an Relevanz gewonnen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Inhalt in den Aufmerksamkeitsbereich eines Individuums gelangt, sind im Vorfeld zahlreiche Entscheidungen getroffen worden, die die Verbreitung des Inhalts und die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, dass er in das Medienrepertoire des Individuums aufgenommen wird. Im Einzelnen haben verschiedene Akteure (z. B. Ersteller von Inhalten, digitale Plattformen oder Anbieter von Inhalten), die am gesamten Prozess von der Erstellung bis zur Bereitstellung von Inhalten beteiligt sind, Einfluss auf die gesellschaftliche Kommunikation. In diesem Zusammenhang nutzen diese Akteure auch zunehmend algorithmische Systeme und insbesondere KI.
Anhand von zwei Beispielen, „Google News“ und „Parler“ hat die Methode STEAM gezeigt, dass bereits bestehende Mechanismen zum Schutz der gesellschaftlichen Kommunikation und ihrer wesentlichen Funktionen in Frage gestellt werden. Die Fälle weisen auf Probleme für relevante Qualitäten gesellschaftlicher Kommunikation hin, die durch das derzeitige System des Kommunikationsrechts nicht abgedeckt sind. Es muss daher grundlegend überdacht werden, wie weiterhin sichergestellt werden kann, dass gesellschaftlich relevante Kommunikation offen und frei erfolgt.
Informationen zum Projekt „Socio-Technical Ecosystem Architecture Method“ (STEAM)
Das Projekt ist eines von sieben Projektkonsortien aus den Gesellschafts- und Technikwissenschaften, die von der VolkswagenStiftung gefördert wurden. Die Vorhaben waren auf drei bis vier Jahre angelegt und haben jeweils rund 1,5 Mio. Euro Förderung erhalten. Weitere Informationen zu der Initiative „Künstliche Intelligenz ‒ Ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft von morgen“ der VolkswagenStiftung unter https://www.volkswagenstiftung.de/de/news/aktuelles/kuenstliche-intelligenz-rd-10-mio-euro-foerderung-fuer-neue-projekte
Projektergebnisse auf YouTube
- Was ist STEAM? https://www.youtube.com/watch?v=XtxqXDwQmwM (Deutsch)
- What is STEAM? https://www.youtube.com/watch?v=izCCiYCy8Bc (Englisch)
- KI-Zusammenfassungen statt Journalismus? https://www.youtube.com/watch?v=E811_QvQWkM (Deutsch)
- AI Overview instead of Journalism? https://www.youtube.com/watch?v=EI2WDqxNpLU (Englisch)
Auswahl an Publikationen aus dem Projekt
- Burmeister, Fabian; and Kurtz, Christian, „Toward an interdisciplinary method for ecosystem architecture-guided regulatory reasoning“ (2024). In International Conference on Human-Computer Interaction(pp. 247-262). Cham: Springer Nature Switzerland.
- Burmeister, Fabian; Kurtz, Christian; Spürkel, Josefine; Mast, Tobias; Schirmer, Ingrid; and Böhmann, Tilo, „Interdisciplinary Architecture Modeling for Regulating Digital Business Ecosystems“ (2024). PACIS 2024 Proceedings. 3. https://aisel.aisnet.org/pacis2024/track06_dpe/track06_dpe/3
- Burmeister, F., Kurtz, C. & Schirmer, I. Governing information privacy in data ecosystems with architectural thinking. Electron Markets 35, 67 (2025). https://doi.org/10.1007/s12525-025-00808-5
- Kurtz, Christian; Burmeister, Fabian; Wittner, Felix; Jacobs, Marius; Semmann, Michael; Simon, Judith; Schulz, Wolfgang; Schirmer, Ingrid; and Böhmann, Tilo, „Interdisciplinary Boundary Spanning: Guidance for Collaboration Between the Disciplines of Information Systems, Law, and Ethics“ (2025). Business & Information Systems Engineering. pp 1 -12. https://doi.org/10.1007/s12599-024-00920-4
- Kurtz, Christian; and Burmeister, Fabian, „From Opacity to Transparency: Legal Spotlight on Ecosystem Architectures“ (2024). AMCIS 2024 Proceedings. https://aisel.aisnet.org/amcis2024/ict_global/ict_global/3/
- Stratmann, Magdalena; Mast, Tobias; Spürkel, Josefine; Burmeister, Fabian; Kurtz, Christian; Soulier, Eloise: „Visualizing Regulatory Ecosystems: A New Approach to Mapping EU Regulations as Architectures – The Case of the AI act“ (2026). Computer Law & Security Review (61/2026). https://doi.org/10.1016/j.clsr.2026.106333
Kontakt für Rückfragen
Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI)
Christiane Matzen
c.matzen@leibniz-hbi.de
Information zum Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI)
Das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) erforscht den Medienwandel und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen öffentlicher Kommunikation. Medienübergreifend, interdisziplinär und unabhängig verbindet es Grundlagenwissenschaft und Transferforschung und schafft so problemrelevantes Wissen für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Im Jahr 2019 wurde das Institut in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen. Mehr unter https://leibniz-hbi.de
Informationen zum Fachbereich Informatik der Universität Hamburg
Der Fachbereich Informatik in der Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften der Universität Hamburg gehört zu den größeren Informatik-Fachbereichen Deutschlands und zeichnet sich in Lehre und Forschung durch ein breites und modernes Profil aus. Wir bieten mehrere interessante Bachelor- und Masterstudiengänge an. Unser Streben um hohe Qualität der Lehre wird durch ein System studentischer Evaluierungen begleitet. Unsere Forschungsaktivitäten erstrecken sich über eine Vielzahl von Gebieten mit Kooperationen zu Partnern in Wissenschaft und Wirtschaft im In- und Ausland. Unser Transregio-Sonderforschungsbereich Cross-Modal Learning (CML) und unsere Technologie-Transfer-Organisation Hamburger Informatik Technologie-Center (HITeC) e.V. sind dabei besonders zu nennen. Mehr unter https://www.inf.uni-hamburg.de/
Informationen zur VolkswagenStiftung
Die VolkswagenStiftung ist Deutschlands größte private, gemeinnützige Wissenschaftsförderin. Auch wenn ihr Name einen anderen Schluss nahelegt: Es handelt sich um keine Unternehmensstiftung. Die Förderangebote der Stiftung richten sich an die Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften ebenso wie an die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften – und zwar im In- und Ausland. Sitz der Geschäftsstelle ist Hannover. Mehr unter https://www.volkswagenstiftung.de/de