Landtagswahlkampf auf TikTok: Wie einzelne Accounts die Reichweite der Parteien prägen
Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Angesichts der Aussicht, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, richtet sich bundesweit große Aufmerksamkeit auf die Wahl. Der folgende Beitrag von Dr. Azade Kakavand und Tet Turiy analysiert die Präsenz der Parteien auf der Social-Media-Plattform TikTok.
Der Beitrag ist zuerst auf dem Wissenschaftsblog des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt hier erschienen.
Soziale Medien spielen eine immer wichtigere Rolle in der politischen Kommunikation und damit auch in Wahlkämpfen. Im Vergleich zu analogen Angeboten oder der Berichterstattung in den Medien können Parteien und Kandidierende viele Wählende direkt und zeitunabhängig erreichen. Zu den besonders von jüngeren Menschen genutzten Plattformen gehört TikTok. Sie zeichnet sich durch kurze Videos aus, die den Nutzenden vor allem algorithmisch vorgeschlagen und automatisch abgespielt werden. Neben unterhaltenden Inhalten beziehen Nutzende auch Nachrichten über die Plattform. Die AfD war schon früh auf TikTok vertreten, aber auch andere Parteien haben ihre Wahlkampfkommunikation auf der Plattform in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Wir untersuchen in diesem Beitrag die Präsenz und Reichweite politischer Accounts im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt sowie mögliche Erklärungsansätze für die gefundenen Unterschiede.
Datengrundlage
Für unsere Analyse haben wir zuerst alle TikTok-Accounts der Landes- und Kreisorganisationen von AfD, BSW, CDU, FDP, Grünen, Linkspartei und SPD sowie ihrer Kandidierenden in Sachsen-Anhalt gesammelt. Für diese Accounts haben wir täglich automatisiert neue Videos sowie Metadaten zu allen Videos abgerufen, die zwischen dem 15. Juli und dem 23. August 2026 veröffentlicht wurden. Dadurch lässt sich die Entwicklung der Aufrufzahlen jedes Videos im Zeitverlauf nachvollziehen. Insgesamt haben wir 1.323 Videos von 91 Accounts gesammelt.
Parteien auf TikTok: Präsenz und Reichweite
Alle Parteien nutzen TikTok auch im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Die CDU und die Linke haben mit jeweils 18 Accounts die meisten Accounts in unserem Datensatz, gefolgt von der SPD mit 16, der AfD mit 14, den Grünen mit 11, der FDP mit 8 und dem BSW mit 6 Accounts. Entsprechend der hohen Zahl an Accounts veröffentlichte die CDU im Untersuchungszeitraum auch die meisten Videos (380).
Die hohe Zahl veröffentlichter Videos bedeutet allerdings nicht, dass die CDU auch die meisten Aufrufe bekommt: Während die Videos der CDU insgesamt ca. 1,9 Millionen Mal angeschaut wurden, ist die Anzahl der Aufrufe für die AfD mit knapp 21 Millionen gut elfmal so hoch.
Die Reichweite liegt in den Händen weniger
Die Reichweite ist in den Parteien jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Vielmehr konzentriert sich ein Großteil der Videoaufrufe auf wenige Akteur*innen. Besonders deutlich zeigt sich dies am Spitzenkandidaten der AfD: Auf die Videos des AfD-Spitzenkandidaten entfallen 81 Prozent aller Videoaufrufe der von uns erfassten AfD-Accounts, obwohl seine Videos lediglich 18 Prozent aller erfassten AfD-Videos ausmachen. Ohne seinen Account liegt die Zahl der AfD-Aufrufe nicht mehr durchgängig über derjenigen der anderen Parteien. An einzelnen Tagen erzielt die AfD allerdings weiterhin besonders hohe Aufrufzahlen.
Auch bei den anderen Parteien zeigt sich, dass einzelne Accounts einen überproportional großen Anteil der Videoaufrufe erzielen. Auf den Account der FDP Sachsen-Anhalt entfallen 77 Prozent der Aufrufe aller erfassten FDP-Videos, allerdings mit 42 Prozent der Videos der Partei. Die Spitzenkandidatin der Linken, Eva von Angern, erreicht mit 23 Prozent der Videos ihrer Partei 51 Prozent der Aufrufe. Bei der SPD hingegen ist die Verteilung der Aufrufe auf mehrere Kandidierende deutlich ausgeglichener mit 18 Prozent der Aufrufe (bei 5 Prozent der geposteten Videos) für die Kandidatin mit den meisten Aufrufen und 17 Prozent der Aufrufe (bei 29 Prozent der Videos) für den Spitzenkandidaten der Partei.
Warum manche Accounts erfolgreicher sind
In sozialen Medien hängt Reichweite nicht unmittelbar von einem politischen Amt oder der Rolle als Kandidat*in ab. Stattdessen kommen mehrere von diesem Status unabhängige Erklärungen infrage. So beeinflussen unter anderem plattformspezifische Mechanismen wie Empfehlungsalgorithmen, welche Inhalte Nutzenden angezeigt werden. Obwohl sich die Algorithmen der Plattformen unterscheiden und im Detail nicht öffentlich sind, gibt es grundsätzliche bekannte Muster. Ein möglicher Faktor ist eine kontinuierliche Aktivität auf der Plattform.
Der AfD-Spitzenkandidat ist beispielsweise schon seit 2021 auf TikTok aktiv und hat auch im vergangenen Jahr regelmäßig Beiträge veröffentlicht und mit anderen Accounts interagiert. Im Bundestagswahlkampf 2025 war er einer der wenigen reichweitenstarken Landespolitiker auf TikTok. Im Gegensatz dazu hat der Ministerpräsident und Spitzenkandidat der CDU, Sven Schulze, erst im vergangenen Winter einen Account auf der Plattform erstellt. Die unterschiedlich lange Präsenz auf TikTok könnte daher zu den Unterschieden bei Followerzahlen und Videoaufrufen beitragen.
Personalisierung, Emotionalisierung und Professionalisierung als Plattformstrategie
Forschung zu politischer Kommunikation auf TikTok weist darauf hin, dass insbesondere personalisierte und emotionalisierte Inhalte hohe Sichtbarkeit erzielen können (Rau 2026). In den von uns untersuchten Videos sind Kandidierende häufig selbst zu sehen und sprechen direkt in die Kamera. In mehreren der von uns betrachteten Videos wird zudem durch direkte Ansprache und Bilder von Wahlkampfveranstaltungen ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Daneben finden sich Beiträge, in denen politische Gegner oder bestimmte Bevölkerungsgruppen negativ dargestellt werden.
Bei den AfD-Accounts fällt zudem die plattformspezifische Gestaltung der Videos auf. Häufig wird direkt in die Kamera gesprochen; zugleich weisen die Beiträge ein einheitliches visuelles Design auf, das dem Erscheinungsbild der Partei entspricht. Dies kann als Hinweis auf eine gezielte Anpassung der Inhalte an die Plattform interpretiert werden.
Was erfolgreichen TikTok-Wahlkampf ausmacht
Zusammenfassend zeigt unsere Analyse, dass politische Akteur*innen nicht aufgrund ihres Amtes mit hoher Aufmerksamkeit rechnen können. Vielmehr können einzelne Akteur*innen sich stark auf der Plattform hervorheben. Unsere Analyse legt nahe, dass eine langfristige Bespielung der Plattform und die Personalisierung, Emotionalisierung und Professionalisierung der Posts durch plattformspezifisch gestaltete Inhalte zur Sichtbarkeit politischer Akteur*innen auf der Plattform beitragen können. Ob und in welchem Ausmaß diese Faktoren die Reichweite tatsächlich beeinflussen, lässt sich auf Grundlage der Daten allerdings nicht kausal bestimmen.
Literatur und Illustration
Rau, Jan (zur Publikation angenommen, 2026). Algorithmisierte Sichtbarkeit von Wahlkampfkommunikation auf TikTok: Inhalte, Konflikte und Politainment im Bundestagswahlkampf 2025. In Stephanie Geise und Melanie Leidecker-Sandmann (Hrsg.), Die Medien im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2025. Springer VS.
Illustration: Italic Visual Design
Letzte Aktualisierung: 08.09.2026