Wie geht zeitgemäßer Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt? Ist ein Social-Media-Verbot bis Alter X ein guter Weg?
In Australien ist im Dezember 2025 das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Kraft getreten. Seitdem ist viel passiert. In Deutschland hat Bundesfamilienministerin Karin Prien eine unabhängige Expertenkommission zum Thema „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ einberufen, die kürzlich ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Und auf EU-Ebene nimmt der Gesetzesentwurf EU KIDS, der verantwortungsbewusste und vertrauenswürdige digitale Räume schaffen soll, seinen Lauf.
Höchste Zeit für einen wissenschaftlichen Schulterblick: Dr. Claudia Lampert und Dr. Stephan Dreyer ordnen im BredowCast die Entwicklungen ein.
Was zeigt sich am Beispiel Australien? Stephan Dreyer erläutert, dass sich die Annahme, Jugendliche unter 16 würden auf unregulierte Angebote ausweichen, nicht bewahrheitet hat. Die Jugendlichen seien weiterhin auf den Plattformen online. Die Eltern wiederum wissen nun weniger als vorher darüber, was ihre Kinder online machen und gehen davon aus, der Staat hätte sich jetzt gekümmert. Kurzum: „Die Kinder sind praktisch immer noch online, weniger geschützt, die Eltern begleiten weniger, weil sie denken, die Kinder seien geschützt.“
Vor Inkrafttreten des Verbots dienten soziale Medien für viele australische Jugendliche als Hauptquelle für Nachrichten und politische Informationen. Ein Wechsel zu anderen Angeboten zur Informationssuche ist bislang nicht zu beobachten. Dies zeigt, dass der angestrebte Schutz vor möglichen Risiken sozialer Medien mit dem Zugang zu Informationen kollidieren kann.
Welche Ansätze gibt es jenseits von Verboten? Claudia Lampert berichtet aus der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, die von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) einberufen wurde und deren Mitglied sie war. „Wir haben insgesamt 56 Handlungsempfehlungen entwickelt, die letztendlich versuchen, auf die zentralen Ziele von Schutz, Befähigung und Teilhabe einzuzahlen.“
Auch Kinder und Jugendliche waren beteiligt und formulierten in Workshops eigene Forderungen an einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendmedienschutz, u.a. nach mehr Befähigungs- und Beteiligungsmöglichkeiten. Auch Claudia Lampert betont, dass zeitgemäßer Jugendschutz nicht allein auf Schutzmaßnahmen setzen kann: „Wir müssen Eltern und auch Pädagog*innen befähigen, mit den digitalen Herausforderungen in den verschiedenen Lebensbereichen umgehen zu können.“
Der EU KIDS Act setzt nun – neben neuen Altersgrenzen – bei der Gestaltung digitaler Angebote an. Stephan Dreyer sieht darin einen wichtigen Ansatz: Statt Minderjährige grundsätzlich von bestimmten Angeboten auszuschließen, gehe es darum, „Angebote, die sicher und gut nutzbar sind für Minderjährige“ zu schaffen. Wenngleich der jetzige Gesetzesentwurf Fragen zu Altersverifikation und Datenschutz aufweise, werden wir, so Stephan Dreyer, „auf einen europäischen Jugendschutzrechtsrahmen im Digitalen hinauslaufen.“
Wie könnte und sollte sich Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt in den kommenden Jahren weiterentwickeln? Für das kommende Jahr hofft Stephan Dreyer vor allem auf einen Perspektivwechsel in der Debatte: weg von der Frage nach Altersgrenzen hin zur konkreten Gestaltung digitaler Angebote und guten Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, online zu sein.
Claudia Lampert blickt fünf Jahre nach vorn und hofft, dass sich in Nutzungsstudien zeigen wird, dass sich das Sicherheitsgefühl von Kindern und Jugendlichen durch verschiedene Regulierungsmaßnahmen verbessert hat – und idealerweise auch ihre mentale Gesundheit. Zugleich sollte es gelungen sein, Kinder und Jugendliche stärker zu beteiligen und Medienbildung „im schulischen Bereich flächendeckend und verbindlich“ zu verankern.
Links
- Der EU KIDS Act (Proposal for a REGULATION OF THE EUROPEAN PARLIAMENT AND OF THE COUNCIL EU KIDS ACT – ‚EU Keeping Internet Digital Spaces Accountable and Trustworthy‘, 17.9.2026): https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A52026PC0681
- Blogbeitrag von Stephan Dreyer zum EU KIDS Act: https://leibniz-hbi.de/der-geplante-eu-kids-act/
- Abschlussbericht der Expertenkommission “Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/294102/4e552d9390471684b6ebc4a0548447a6/kinder-und-jugendschutz-in-der-digitalen-welt-abschlussbericht-data.pdf
- Kurzfassung der Handlungsempfehlungen der Expertenkommission: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/290238/81553e22f0d788c02eee24ba20c72b7d/20260624-kurzfassung-handlungsempfehlungen-expertenkommission-kinder-und-jugendmedienschutz-data.pdf
- Bericht zur Kinder- und Jugendbeteiligung für die Expertenkommission: Gemeinsam für ein besseres und sicheres Internet: https://www.kinderrechte.digital/fokus/detail/bericht-zur-kinder-und-jugendbeteiligung-fuer-die-expertenkommission-gemeinsam-fuer-ein-besseres-und-sicheres-internet
- Ergebnisse der Co_Chairs des Special Panels der EU-Kommission, https://commission.europa.eu/document/download/d833504d-5ec3-4fac-945f-38e7d0bd5326_en