Wo Suche und KI aufeinandertreffen – und Medien verstummen könnten

Suchmaschinen werden zu Antwortmaschinen – und damit verändern sich die Spielregeln des digitalen Informationsökosystems. Für die gesellschaftliche Debatte und die Regulierung braucht es neue Modelle, bestehende rechtliche Kategorien reichen nicht mehr aus und Forschung wie Gesetzgebung geraten angesichts der rasanten KI-Entwicklung zunehmend unter Zeitdruck. Dieses Fazit zog Prof. Dr. Wolfgang Schulz, Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI), zum Abschluss des 16. Hamburger Mediensymposiums.

Zu der Veranstaltung kamen am 25. Juni 2026 rund 150 Vertreter*innen aus Medienforschung, Medienrecht, Medienpolitik und Medienpraxis in der Handelskammer Hamburg, um die Folgen der Konvergenz von Online-Suche und generativer KI zu diskutieren.

Im Mittelpunkt des Symposiums standen die Fragen: Welche Auswirkungen hat das Verschmelzen von traditioneller Internetsuche und generativer Künstlicher Intelligenz auf unser Informationsökosystem? Was bedeutet es für Journalismus und Gesellschaft, wenn KI-Systeme Antworten liefern, ohne dass Nutzer*innen die ursprünglichen Quellen aufrufen? Und welche rechtlichen und regulatorischen Spielregeln gelten für Chatbots und KI-gestützte Suchmaschinen?

Die Vorträge und Diskussionen zeigten übereinstimmend: Wir erleben eine tiefgreifende Transformation des Informationsökosystems. Wie Informationen gefunden werden, wie Sichtbarkeit entsteht und welche Rolle journalistische Medien künftig spielen, wird derzeit neu verhandelt. Neue technologische Entwicklungen erfordern neue Antworten aus Wissenschaft, Medienpraxis, Politik und Regulierung.

Das 16. Hamburger Mediensymposium wurde vom HBI, der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA HSH) und der Handelskammer Hamburg veranstaltet.

Aufzeichnung der Veranstaltung

TIDE – Hamburgs Bürger:innensender und Ausbildungskanal hat das Symposium aufgezeichnet.

Die Vorträge und die Podiumsdiskussion werden am 20.7., 19 Uhr (Teil 1), und am 21.7., 19:30 Uhr (Teil 2), im Programm von TIDE ausgestrahlt und sind zudem über den YouTube-Kanal von TIDE verfügbar.

Wissenschaftliche Impulse

Nach der Begrüßung durch Dr. Philipp Henze, stellvertretender Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg, eröffneten drei wissenschaftliche Impulse unterschiedliche Perspektiven auf die Konvergenz von Suche und generativer KI.

Prof. Dr. Wiebke Loosen, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI), zeigte in ihrem Vortrag „Die Automatisierung von Nachrichten“, dass KI inzwischen als Teilnehmer an der gesellschaftlichen Kommunikation verstanden werden kann. Sprachmodelle seien nicht mehr lediglich Werkzeuge, sondern griffen aktiv in kommunikative Prozesse ein und veränderten damit die Rolle des Journalismus: „KI ist nicht einfach ein Werkzeug, das man einsetzt oder nicht – sie ist Teil gesellschaftlicher Kommunikation. Damit rückt sie genau dorthin, wo auch der Journalismus seine Aufgabe hat. Er muss sich heute lesbar machen für die Maschine und sich zugleich gegen die Erwartung verteidigen, von ihr ersetzbar zu sein.“

Dr. Tim Schatto-Eckrodt, Universität Hamburg, stellte Ergebnisse einer Studie zur Nutzung generativer KI als Nachrichtenempfehlungssystem vor. Er zeigte, dass Systeme wie ChatGPT zunehmend eine quasi-journalistische Funktion übernehmen. Gleichzeitig bleiben Herkunft und Qualität der Quellen häufig intransparent. Dies erhöhe das Risiko von Fehlinformationen und einer eingeschränkten Sichtbarkeit journalistischer Angebote: „Der Zugang zu ausgewogenen und qualitativ hochwertigen Nachrichten sollte nicht Systemen überlassen werden, die für ihre Nutzenden undurchsichtig sind und plausible, aber falsche Aussagen treffen.“

Prof. Dr. Tilo Böhmann, Universität Hamburg, beleuchtete die Entwicklung aus einer soziotechnischen Perspektive. Architekturmodelle könnten helfen, technische, rechtliche und gesellschaftliche Entwicklungen gemeinsam zu analysieren. Als mögliches Instrument schlug er sogenannte „Architectural Observatories“ vor, um Veränderungen im Medienökosystem systematisch nachzuzeichnen.

Neue regulatorische Fragen

Im zweiten Teil der Veranstaltung stellte Prof. Dr. Jan Oster, LL.M. (Berkeley), Universität Osnabrück, das Gutachten „Integration von KI-Anwendungen in Suchmaschinen. Eine medienrechtliche und regulatorische Einordnung“ vor. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der rechtlichen Einordnung KI-generierter Antworten, der Verantwortung für weiterführende Links sowie möglichem Anpassungsbedarf im Medienrecht auf nationaler und europäischer Ebene. Das zentrale Ergebnis: KI-generierte Antworten sind regelmäßig als eigene Inhalte der Suchmaschinenanbieter zu bewerten.

Podiumsdiskussion: Medienvielfalt im Antwort-Zeitalter

Unter der Moderation von Svea Eckert diskutierten anschließend Dr. Christian Heise (Hamburg Media School), Dennis Kaben (Google), Prof. Dr. Jan Oster, LL.M. (Berkeley) (Universität Osnabrück), Cordula Schmitz (FUNKE Mediengruppe) und Eva-Maria Sommer (Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein), über die Zukunft journalistischer Sichtbarkeit im KI-Zeitalter.

Dr. Christian Heise beschrieb den grundlegenden Wandel so: „Wir erleben gerade den Kipppunkt vom Such- zum Antwort-Paradigma: Bequeme Zero-Click-Antworten ersetzen die Vielfalt des Netzes zunehmend durch die Monokultur einer einzigen synthetisierten Stimme. Wer als Plattform dabei nur auf Nutzerbequemlichkeit verweist oder als Verlag lediglich den Traffic-Verlust der alten Link-Ökonomie beklagt, wird die Lösung nicht finden.“

Dennis Kaben betonte die Verantwortung der Plattformen: „Unser aller Zugang zu Informationen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig verändert. Durch künstliche Intelligenz erlebt das mediale Ökosystem nun den nächsten großen Wandel. Google versteht sich dabei weiterhin als verantwortungsbewusster Partner für Journalisten, Medien und Verlage. Es geht nun darum, die Chancen der Technologie für die Gesellschaft zu nutzen und für die Herausforderungen gemeinsame Lösungen zu entwickeln.“

Eva-Maria Sommer hob die Bedeutung regulatorischer Transparenz hervor: „Die Kriterien, nach denen weiterführende Links ausgewählt und platziert werden, müssen daher dringend transparent gemacht werden. Nur so lässt sich überprüfen und sicherstellen, dass die Vielfalt journalistisch-redaktioneller Medien sichtbar bleibt.“

Zum Abschluss zog Wolfgang Schulz drei zentrale Schlussfolgerungen: Für die gesellschaftliche Debatte und die Regulierung brauche es tragfähige Modelle, die die Strukturen des neuen Informationsökosystems verständlich machen. Architekturmodelle, die das Zusammenspiel der Akteure und Informationsflüsse abbilden, könnten diese Vereinfachungsleistung erbringen. Zugleich würden bestehende rechtliche Kategorien – etwa die Unterscheidung zwischen eigenen und fremden Inhalten im Äußerungsrecht – durch generative KI zunehmend infrage gestellt. Hinzu komme ein strukturelles Tempoproblem: Während sich KI-Systeme innerhalb weniger Monate weiterentwickeln, benötigen Regulierung und wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung deutlich mehr Zeit.

Das 16. Hamburger Mediensymposium machte deutlich, dass die Verschmelzung von Suchmaschinen und generativer KI weitreichende Folgen für Informationsvielfalt, journalistische Sichtbarkeit und demokratische Öffentlichkeit hat. Um diese Entwicklungen verantwortungsvoll zu gestalten, braucht es einen engen Austausch zwischen Wissenschaft, Medienpraxis, Politik und Regulierung.

Zum Programm der Veranstaltung

Foto: Kristen Haarmann/Handelskammer Hamburg; von links: Dr. Tim Schatto-Eckrodt, Prof. Dr. Jan Oster, LL.M. (Berkeley), Prof. Dr. Wolfgang Schulz, Eva-Maria Sommer, Dr. Christian Heise, Cordula Schmitz, Dennis Kaben, Svea Eckert, Prof. Dr. Wiebke Loosen

Letzte Aktualisierung: 15.07.2026

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