Im Auftrag der Aktion Mensch haben PD Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Milena Braun untersucht, wie Menschen mit Beeinträchtigung den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland bewerten und welche Rolle Medien aus ihrer Sicht dabei spielen. Die Studie ermöglicht den Vergleich mit der Gesamtbevölkerung und zeigt unter anderem, dass Menschen mit Beeinträchtigung weniger Zusammenhalt erleben, obwohl sie sich häufiger im politischen und ehrenamtlichen Bereich engagieren. Ihre Bewertung von öffentlich-rechtlichen Medien, privaten Sendern und sozialen Medien geht noch stärker auseinander als in der Gesamtbevölkerung.
Sehr unterschiedliche Wahrnehmung von Medienangeboten
Menschen mit Behinderung haben insgesamt ein stärkeres Vertrauen in unsere gesellschaftlichen Institutionen als die Gesamtbevölkerung. Zwei Drittel von Ihnen vertrauen den öffentlich-rechtlichen Medien (im Vergleich zu 60 % der Gesamtbevölkerung). Eine auffällige Ausnahme dieses höheren Vertrauens sind private Fernseh- und Radiosender (nur 33 % statt 41 %) und soziale Medien (12 % statt 17 %).
Diese negative Einschätzung spiegelt sich in der Frage, wie groß der Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ist – hier landen soziale Medien bei den Menschen mit Beeinträchtigung auf dem letzten Rang (nur 17 % sehen einen hohen oder sehr hohen Beitrag im Vergleich zu 36 % in der Gesamtbevölkerung).
Weniger spezifische Angebote, mehr Diskriminierung
Diese Unterschiede könnten darauf zurückzuführen sein, dass in privaten Fernseh- oder Radiosendern kein Schwerpunkt auf diskriminierungsfreie Sprache gelegt wird. Zudem bieten sie im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Angeboten seltener barrierefreie Inhalte wie Untertitel oder Nachrichten in Einfacher Sprache an. Daher werden diese Angebote von Menschen mit Behinderung als weniger zugänglich oder verlässlich wahrgenommen. Insbesondere in den sozialen Medien werden Menschen mit Beeinträchtigung zudem häufiger mit Diskriminierung konfrontiert.
Zusammenhalt in der digitalen Community
Doch digitale Räume haben für diese Gruppe auch Potenziale. In nahezu allen Bereichen empfinden Menschen mit Beeinträchtigung weniger Zusammenhalt als die Gesamtbevölkerung. Selbst in Familie und Freundeskreis, dem Bereich mit dem am stärksten empfundenen Zusammenhalt, geben nur zwei Drittel von ihnen an, dass der Zusammenhalt dort eher oder sehr stark sei – in der Gesamtbevölkerung sind es mehr als drei Viertel. In Vereinen, auf der Arbeit und in der Nachbarschaft gibt es ebenfalls große Unterschiede. Lediglich in digitalen Räumen erleben Menschen mit Beeinträchtigung etwas mehr Zusammenhalt, allerdings trifft das in beiden Gruppen auf weniger als 20 Prozent der Befragten zu (19 % im Vergleich zu 17 %). Besonders für jüngere Menschen mit Behinderungen bieten digitale Räume mehr Möglichkeiten, eine Gemeinschaft zu finden und barriereärmer an einer Community teilzuhaben.
Weitere Ergebnisse
Die Studie zeigt weitere Unterschiede. Beispielsweise engagieren sich Menschen mit Beeinträchtigung im politischen und ehrenamtlichen Bereich häufiger als die Gesamtbevölkerung, insbesondere vor Ort und über Petitionen. Dieses überdurchschnittliche Engagement könnte darauf zurückzuführen sein, dass sie als marginalisierte Gruppe häufiger für ihre Rechte eintreten müssen und gesellschaftliche Themen in besonderem Maße ihre Lebensrealität betreffen.
Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sehen mehr Menschen mit Behinderungen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland als gefährdet an (89 % im Vergleich zu 79 %), und sie sind noch unzufriedener mit der Demokratie in Deutschland derzeit (nur 29 % sind eher zufrieden oder sehr zufrieden, im Vergleich zu 34% der Gesamtbevölkerung). Eine Erklärung könnte sein, dass sie in ihrem Alltag häufiger Benachteiligungen und Ausgrenzung erleben.
Aufschlussreicher Blick einer benachteiligten Gruppe
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist eine zentrale Voraussetzung für eine lebendige Demokratie. Viele Menschen mit Beeinträchtigung erleben in zahlreichen Bereichen ihres Alltags jedoch Barrieren und Ausgrenzung. Gerade deshalb sind ihre Perspektiven auf gesellschaftlichen Zusammenhalt besonders aufschlussreich.
Die Studie ist Teil der Arbeit des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das an seinem Hamburger Standort am HBI untersucht, welche Rolle Medien und Kommunikation für den Zusammenhalt spielen.
Methodik der Studie
Das HBI hat im Auftrag von ARD, ZDF und Deutschlandradio 2025 in der „Zusammenhaltsstudie“ den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Gesamtbevölkerung erforscht. PD Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Milena Braun haben nun ausgewählte Themenkomplexe daraus mit der Perspektive von Menschen mit Behinderung verglichen. Dafür wurden die gleichen Fragen von Teilnehmenden der „Teilhabe-Community“ beantwortet, einem Online-Befragungspanel in Deutschland, das von der Aktion Mensch und dem Forschungsinstitut Ipsos speziell für Menschen mit Beeinträchtigung konzipiert wurde.
Link zur kompletten Studie bei der Aktion Mensch
Bild: iStock/AnnaStills