Herausforderungen und Chancen: Der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zeiten von Plattformen und KI

Wie geht der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) mit den aktuellen Herausforderungen durch neue Konkurrenzangebote und veränderten Aufmerksamkeitslogiken um? Und wie sieht die Situation in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aus? Zu diesen Fragen hat Magdalena Stratmann für die Friedrich-Ebert-Stiftung ein umfassendes Publikationsprojekt durchgeführt. Dazu gehören ein Bericht zur Situation des ÖRR in Deutschland sowie vier Studien. Diese vergleichen mit jeweils unterschiedlichem thematischen Fokus (etwa Organisationsform, Finanzierung, Digitalisierung) die Situation der ÖRR-Systeme in den sieben europäischen Ländern Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien.

Cover Bericht Herausforderungen und Chancen: Der deutsche ÖRR in Zeiten von Plattformen und KIDie hohen Nutzungszahlen der Mediatheken von ARD und ZDF zeigen, dass öffentlich-rechtliche Angebote aktuell im digitalen Wettbewerb relevant bleiben. Angesichts der veränderten Umgebung sollten Kooperationen mit anderen gemeinwohlorientierten Medien und die Weiterentwicklung eigener digitaler Infrastrukturen gefördert werden. Digitale Beteiligungsformate und erweiterte partizipative Angebote könnten eine Möglichkeit darstellen, den ÖRR für die Gesellschaft zu öffnen und seine gesellschaftliche Verankerung langfristig zu stärken.

Der Ländervergleich zeigt, dass der ÖRR in Europa auf sehr unterschiedlichen institutionellen und strukturellen Fundamenten steht – die Spannweite reicht von stark zentralisierten Modellen bis hin zu vielfältig ausdifferenzierten Systemen. Auch die rechtlichen Grundlagen, Auftragsdefinitionen sowie die in­ternen und externen Governance-Strukturen unterscheiden sich erheblich. Beim Auftrag lassen sich dennoch gemeinsame Elemente erken­nen: Die Angebote sollen unabhängige und vielfältige Information be­reitstellen, Kultur und Bildung fördern und zu gesellschaft­lichem Zusammenhalt beitragen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht in ganz Europa unter Druck

In allen untersuchten Ländern steht die politische Unabhängigkeit öffentlich-rechtlicher Medien durch formale oder informelle Einflussnahme von Politik oder Staat zunehmend unter Druck. Auch wenn sich das Ausmaß unterscheidet, gibt es wiederkehrende strukturelle Muster. In­stitutionelle Verflechtungen zwischen ÖRR und politischen Akteuren wirken dabei kumulativ und schaffen ein Umfeld, in dem politische Ak­teure redaktionelle Entscheidungen mittelbar oder unmit­telbar beeinflussen können. Besonders deutlich tritt dies in Ländern wie Italien, Polen und Frankreich zutage.

Dies ist besonders relevant, da nicht al­lein die Höhe der finanziellen Mittel, sondern insbesondere die Entscheidungsstrukturen über deren Verwendung für die Unabhängigkeit des Rundfunks ausschlag­gebend sind. Wo Parlamente oder Regierungen unmittelbar und kurzfristig über Budgets, Gebührenhöhen oder Mittel­verwendung entscheiden, entstehen strukturelle Abhängig­keiten, die politischen Druck begünstigen. Modelle mit mehrjähriger, vom Staatshaushalt entkoppelter Finanzie­rung und klar geregelten Anpassungsmechanismen – wie etwa in Schweden – bieten stärkere institutionelle Sicherungen.

Über alle Länder hinweg wird deutlich, dass das Vertrau­en des Publikums eine zentrale Stärke des ÖRR darstellt – aller­dings nur dort, wo redaktionelle Unabhängigkeit glaubwür­dig gesichert ist und die institutionelle Legitimation nicht politisch untergraben wurde. Gleichzeitig reicht Vertrauen allein nicht aus, um gesellschaftliche Relevanz langfristig zu sichern. Der ÖRR steht vor der Herausforderung, seinen öffentlichen Auftrag sichtbar in digitale Umge­bungen zu übersetzen, eigene Marken auch auf Drittplatt­formen klar zu positionieren, alternative, gemeinwohlorien­tierte digitale Infrastrukturen aufzubauen und neue Technologien wie KI ihrem Auftrag entsprechend ein­zusetzen.

Der Bericht:

Stratmann, Magdalena (2026): Herausforderungen und Chancen: Der deutsche ÖRR in Zeiten von Plattformen und KI. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. https://collections.fes.de/publikationen/id/1985169

Die vier Studien:

Stratmann, Magdalena (2026): Institutionelle Grundlagen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. https://collections.fes.de/urn/urn:nbn:de:bo133-2-237197

Stratmann, Magdalena (2026): Politische Unabhängigkeit: Einflussmechanismen und Gegenkräfte. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. https://collections.fes.de/urn/urn:nbn:de:bo133-2-237208

Stratmann, Magdalena (2026): Finanzierungsmodelle und ökonomische Herausforderungen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. https://collections.fes.de/urn/urn:nbn:de:bo133-2-237186

Stratmann, Magdalena (2026): Wettbewerb und digitale Transformation. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. https://collections.fes.de/urn/urn:nbn:de:bo133-2-237213

Überblick

Erscheinungsdatum

30.04.2026

Art der Publikation

  • Sonstiges

Projektbezug:

Dialogformate öffentlich-rechtlicher Medien

Forschungsprogramm:

FP 2 Regelungsstrukturen und Regelbildung in digitalen Kommunikationsräumen

Kompetenzbereich:

Kompetenzbereich Public Service und Public Value

Beteiligte Personen:

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