Was bedeutet die Nutzung kommunikativer KI im Journalismus?
Wie verändert kommunikative Künstliche Intelligenz unsere gesellschaftliche Kommunikation, und welche Folgen hat dies für Medienorganisationen? Diesen Fragen geht die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderte Forschungsgruppe „Kommunikative KI (ComAI) – Die Automatisierung gesellschaftlicher Kommunikation“ nach. In neun Forschungsprojekten untersuchen Forscher:innen aus den Bereichen Kommunikations‑ und Medienwissenschaft, Mensch-Computer-Interaktion, Wissenssoziologie, Governance-Forschung und Medienrecht die Potenziale, Risiken und Konsequenzen dieses tiefgreifenden Wandels.
Eines dieser Projekte leitet Prof. Dr. Wiebke Loosen. Im Rahmen eines ethnografischen Forschungsaufenthalts untersucht sie aktuell die APA als konkretes Forschungsfeld: Ziel ist es, zu verstehen, wie kommunikative KI den redaktionellen Alltag, organisationale Routinen und journalistische Entscheidungen verändert. Am Projekt beteiligt sind zudem das Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), die Universität Wien und die Universität Graz.
Im Interview erläutert Wiebke Loosen, was kommunikative KI im journalistischen Kontext bedeutet, welche Fragen ihre Forschung leiten, warum die APA dafür ein besonders aufschlussreiches Forschungsfeld ist – und welche übergreifenden Erkenntnisse sich daraus für Medienorganisationen ableiten lassen.
Das Interview führte Jana Assel (Austria Presse Agentur, APA-Value). Es erschien zuerst auf dem Blog der APA-Value (12. Mai 2026).
Frau Loosen, Ihr Forschungsprojekt beschäftigt sich mit „kommunikativer KI“ im Journalismus. Was genau verstehen Sie darunter?
Für uns markiert der Begriff, dass wir es mit KI zu tun haben, die in ihrem Zweck auf Kommunikation ausgerichtet ist, in digitale Infrastrukturen eingebettet ist und sich stets in Verschränkung mit menschlichen Praktiken konstituiert. Anders gesagt: Es kommt nicht auf die Intelligenz der Maschine an, sondern dass sie mit uns kommuniziert – und Teil gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse wird. Und das ist so folgenreich, weil Kommunikation das ist, worüber Gesellschaft sich koordiniert und Öffentlichkeit entsteht.
Im Journalismus kommt eine Art Verdopplung hinzu: Journalismus ist ja selbst schon ein Kommunikationssystem in der und für die Gesellschaft – und bekommt es nun mit einer Technologie zu tun, die ihrerseits kommuniziert. Kommunikative KI trifft hier also auf eine Institution, die nichts anderes tut, als Kommunikation herzustellen und zu ermöglichen.
Welche Fragen stehen im Zentrum Ihrer Untersuchungen?
Im Kern geht es uns darum, wie sich der Journalismus mit kommunikativer KI verändert – und zwar auf verschiedenen Ebenen zugleich: Wie eignen sich Journalist:innen diese Systeme in ihrer täglichen Praxis an? Wie betten Medienorganisationen sie in ihre Strukturen ein? Und was macht das mit dem Journalismus als gesellschaftlichem System, mit seinen Selbsterwartungen und Legitimitätsansprüchen, dem Kernverständnis davon, was als journalistisch gilt? Im Hintergrund stehen dabei zwei Grundfragen: Wie verteilt sich Handlungsfähigkeit – Agency – zwischen Mensch und Maschine? Und was bedeutet das für die Autonomie des Journalismus? Das ist relevant, weil damit zentrale Fragen des Sozialen verbunden sind: Wer kommuniziert, und wem wird Kommunikation zugerechnet?
„(…) hat man sich hier [in der APA] schon früh Gedanken zum Thema KI gemacht, eine Leitlinie entwickelt und ein KI-Board gegründet – es gab also schon eine fortgeschrittene Institutionalisierung.“
Die APA öffnet Ihnen ihr Unternehmen als Forschungsfeld. Welche Überlegungen haben Sie dazu geführt, die APA als Ort Ihrer empirischen Forschung auszuwählen, und inwiefern ist sie für Ihre Fragestellungen besonders aufschlussreich?
Ich wollte bei meinen Forschungsfällen unbedingt eine Nachrichtenagentur dabeihaben – und eine außerhalb Deutschlands finden. Hinzu kommt, dass Österreich in unserer Forschungsgruppe zu unseren Kernländern gehört. Wichtig war für mich außerdem, dass es schon einmal einen Kontakt zur Organisation gab, ich also eine Vorstellung hatte, wen ich ansprechen könnte. Der Zugang zum Feld, wie wir das in der Wissenschaft nennen, kann wirklich sehr schwierig sein, weil sich natürlich nicht alle Organisationen so zugänglich zeigen, wie die APA das tut. Ich bin deswegen sehr froh, dass das geklappt hat!
Besonders aufschlussreich ist für mich zum einen, dass es bei der APA die journalistische Agenturarbeit gibt, aber auch andere Kommunikationsbereiche – und damit auch unterschiedliche Sichtweisen auf kommunikative KI und unterschiedliche Gewerke, die damit befasst sind. Zum anderen hat man sich hier schon früh Gedanken zum Thema KI gemacht, eine Leitlinie entwickelt und ein KI-Board gegründet – es gab also schon eine fortgeschrittene Institutionalisierung.
Sie forschen ethnografisch, also sehr nah an der journalistischen Praxis. Sie beobachten, führen Interviews und nehmen an Meetings teil. Worauf achten Sie dabei besonders, wenn es um den Umgang von Journalist:innen mit KI‑Systemen geht?
Die große Herausforderung bei der ethnografischen Forschung ist, dass man eben nicht auf etwas besonders achtet, sondern sich in einer gleichbleibenden Aufmerksamkeit für alles übt – es könnte ja etwas wichtig werden, an das man zuvor überhaupt nicht gedacht hat: Das sind für mich die eigentlich besonderen Momente.
Ich habe aber natürlich trotzdem einige Aufmerksamkeitsmarker. Dazu gehören alle Formen von Grenzziehungen zwischen Mensch und Maschine, was im Kern als journalistisch bezeichnet wird, welche Sorgen und Gefühle mitschwingen, wie sich vertraute Routinen verschieben. Ich achte auch darauf, wo KI zum Einsatz kommt und wo gerade nicht. Interessant ist auch, wie über KI gesprochen wird. Wenn ich Menschen um ein Gespräch bitte, erlebe ich immer wieder, dass sie zunächst denken, sie hätten im Grunde wenig Interessantes zum Thema beizutragen – das Gegenteil ist aber der Fall: Ich bin ja gerade an dem interessiert, was für Menschen so alltäglich ist, dass sie es für nicht der Rede werthalten.
„Im Journalismus ringt man darum, was KI-Systeme entscheiden dürfen und was nicht, was ein Tool vorschlagen darf und was in menschlicher Hand bleiben muss.“
Sie forschen zu diesem Thema auch in Medienorganisationen in Deutschland und Großbritannien. Lassen sich Muster der Einbettung von kommunikativer KI in journalistischen Organisationen identifizieren?
Ja, das ist der Plan, und wir arbeiten derzeit intensiv an weiteren Zugängen zu Medienorganisationen in Deutschland und Großbritannien, haben aber noch nicht alles unter Dach und Fach. Entscheidender als der Standort ist für uns aber der Typ Medienorganisation: Was ist in Nachrichtenagenturen bedeutsam, was in Verlagshäusern oder in öffentlich-rechtlichen Medien? Wir sind aber auch viel auf internationalen Konferenzen und Branchen-Events unterwegs und merken, dass es überall um ganz ähnliche Themen geht und immer wieder um das große Spannungsfeld zwischen technischen Potenzialen, organisationalen Erfordernissen, aber auch um die Sorgen, die sich Menschen um ihren Arbeitsplatz machen.
Und zu den Mustern – wir sprechen in unserer Forschung ja von Mustern der Aneignung von kommunikativer KI und da sehen wir: Antizipation spielt eine große Rolle – also gegenwärtige Vorstellungen von einer Zukunft mit KI, die heute schon wirksam werden, wenn Leitlinien verfasst werden, Stellen geschaffen, Workflows umgebaut und Projekte beantragt werden. Man richtet sich auf etwas ein, dessen Gestalt in vielen Teilen noch offen ist und unter einer Unsicherheit, die man nicht wegrecherchieren kann – und das ist eine Grundsituation, die sich, wie ich denke, überall zeigt.
Ein zweites Muster, das wir immer wieder beobachten, ist das einer fortlaufenden Agency-Verhandlung: Im Journalismus ringt man darum, was KI-Systeme entscheiden dürfen und was nicht, was ein Tool vorschlagen darf und was in menschlicher Hand bleiben muss. Diese Grenzziehungen sind eines der großen Themen, die uns in unseren Gesprächen und Beobachtungen begegnen und oft kreisen die Fragen darum, was denn nun den Kern des Journalistischen ausmacht und den Unterschied zwischen Mensch und Maschine.
Zum Abschluss: Ihr Projekt ist Teil des Gesamtprojekts „Kommunikative KI (ComAI) – Die Automatisierung gesellschaftlicher Kommunikation“. Können Sie bereits einen Ausblick auf erste Erkenntnisse geben, die sich aus Ihrer Analyse zur Transformation gesellschaftlicher Kommunikation durch künstliche Intelligenz abzeichnen?
An der Stelle sagen Wissenschaftler:innen ja gerne: Es ist noch zu früh für belastbare Befunde, ich will es aber versuchen und ein paar Linien zeichnen, die sich in unserer Forschungsgruppe abzeichnen. Wir arbeiten dort auch mit einem Domänenvergleich, der selbst ein Erkenntnismittel ist, um zu zeigen, was an kommunikativer KI übergreifend neu ist – und was nur im jeweiligen Feld neu aussieht.
Ein Satz eines Journalisten begleitet mich dabei seit Monaten: „Ich schraube mir selbst das Hirn raus.“ Er bringt etwas auf den Punkt, was wir in ähnlicher Form überall beobachten: Menschen und Organisationen eignen sich KI-Systeme an und ahnen zugleich, dass sich ihre Rolle dadurch verändert, ihre sozialen Beziehungen, ihre Kompetenzen, ihre Legitimationsbasis. Das ist kein Journalismusproblem allein; es stellt sich im Gesundheitsbereich, in der Bildung, in der Begleitung im Alltag, im politischen Diskurs in je eigener Form.
Wir schauen in der Forschungsgruppe ComAI aber auch über die konkrete Aneignung in Domänen hinaus: in einem breiten Spektrum von den Tech-Pionieren im Silicon Valley bis zur Verrechtlichung kommunikativer KI und auf den medialen Diskurs, über den die Gesellschaft sich selbst über diese Technologie verständigt.
All das prägt mit, was in den einzelnen Domänen überhaupt denkbar und machbar wird – die Spannbreite dieser Imaginationen ist selbst schon ein Befund: Gesellschaft verhandelt kommunikative KI nicht nur über Praxis und Regulierung, sondern auch über die Vorstellungen, die sie sich von ihr macht.
Bild: KI-generiert (HBI)
Letzte Aktualisierung: 20.05.2026