Beeinflusst der X-Feed politische Meinungen?

Die Beiträge, die Menschen auf der Plattform „X“ sehen, könnten ihre Einstellung zu bestimmten politischen Themen beeinflussen. Zu diesem Ergebnis kam ein europäisches Forschungsteam in einer Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature“ erschienen ist.

Das Science Media Center (SMC) hat Expertinnen und Experten gebeten, die Studie in den Forschungskontext einzuordnen sowie die Ergebnisse und die Methodik zu bewerten, darunter auch Prof. Dr. Judith Möller. In ihrem Statement erläutert sie, die Studie bestätige, dass Medieninhalte Auswirkungen auf Beurteilung bestimmter Themen haben, aber nicht zeige, dass sich politische Einstellungen dadurch grundsätzlich verändern ließen.

Statement von Judith Möller

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse

„Es handelt sich um ein sehr sorgfältig durchgeführtes Experiment, das kleine, aber statistisch signifikante Effekte findet. Es handelt sich um Effekte von algorithmischen Feed-Einstellungen darauf, welche politischen Themen Menschen für die wichtigsten halten und welche Einstellungen sie zu relevanten politischen Fragen haben. Ein Beispiel für eine solche Frage ist, wie die Leistung der eigenen Regierung im Ukrainekrieg bewertet wird.“

„Es ist typisch für Medieneffekte, dass sie wahrscheinlicher auftreten, wenn es darum geht, welche Themen Menschen wichtig finden. Weniger wahrscheinlich sind dagegen Effekte auf politische Werte oder stabilere Einstellungen wie die Parteiidentifikation.“

Bewertung der Methodik

„Ich halte die Methodik der Studie für sehr solide. Allen Experimenten kann man vorwerfen, dass Menschen sich anders verhalten können, wenn sie wissen, dass sie an einem Experiment teilnehmen. Das tun sie zum Beispiel, um der Wissenschaft zu helfen. Aber durch das Design sind die Folgen für die Ergebnisse überschaubar: Es werden Gruppen, in denen der Algorithmus geändert wurde, mit solchen verglichen, in denen der Algorithmus gleichblieb.“

„Natürlich wäre es besser, wenn die Stichprobe repräsentativ wäre. Aber auch wenn zum Beispiel weiße Frauen mit hohem Bildungsabschluss zunächst eher den chronologischen Feed benutzten, darf man hier Eines nicht vergessen: Die weißen Frauen, die ihre Feed-Einstellung änderten, wurden nicht mit der Gesamtbevölkerung verglichen. Sondern sie wurden mit denen verglichen, die ihren Feed nicht änderten.“

Robustheit von Teilnehmendenbefragungen

„Natürlich können in Befragungen Fehler durch falsche Angaben vorkommen. In welchem Ausmaß das passiert, kann ich nicht beurteilen. Bei YouGov handelt es sich aber um einen Panelanbieter mit hoher Reputation, der sich sehr um hohe Datenqualität bemüht.“

„Auffällig ist, dass diejenigen, die ihren Feed ändern mussten, signifikant öfter das Experiment abbrachen. Das spricht dafür, dass es technisch nicht ganz einfach oder für die Teilnehmenden doch zu unangenehm war.“

Einordnung in den Forschungsstand und Übertragbarkeit auf Deutschland

„Dass Medieninhalte Auswirkungen darauf haben, welche Themen wir für wichtig halten, ist eine typische Erkenntnis aus den Kommunikationswissenschaften. Und das gilt auch für andere Medien, wie TV oder Zeitungen. Der fehlende Effekt auf affektive Polarisierung von sozialen Medien wurde ebenfalls vielfach festgestellt (affektive Polarisierung: (negative) Gefühle gegenüber Andersdenkenden, zum Beispiel Zugehörigen einer anderen politischen Partei; Anm. d. Red. des SMC). Beides ist aus meiner Sicht auch auf Deutschland übertragbar.“

„Der Effekt der Nutzung sozialer Medien auf konservative politische Einstellungen – etwa zum Ukrainekrieg – wurde meines Wissens noch nicht so oft gefunden. Im deutschen Kontext ist es noch wichtig zu berücksichtigen, dass nur fünf Prozent der Bevölkerung X zum Nachrichtenkonsum nutzen. Für Deutschland müsste erst noch überprüft werden, ob es eine Verzerrung zu Gunsten konservativer Themen und Einstellungen gibt.“

Wichtige Erkenntnis über den X-Algorithmus

„Sehr interessant fand ich den Teil der Studie, in dem es darum ging, was im Feed zu sehen war. In der Studie steht: ‚The algorithm promotes political content and, within that category, prioritizes conservative content […] . The algorithm demotes accounts of traditional news media and promotes those of political activists […] . Posts from entertainment accounts are 9.1 percentage points (21.5%) more likely in the algorithmic feed […] .‘ (deutsche Übersetzung: Der Algorithmus fördert politische Inhalte und priorisiert innerhalb dieser Kategorie konservative Inhalte […] . Der Algorithmus stuft Accounts traditioneller Nachrichtenmedien herab und fördert diejenigen politischer Aktivist:innen […] . Beiträge von Unterhaltungs-Accounts erscheinen mit einer um 9,1 Prozentpunkte (21,5 Prozent) höheren Wahrscheinlichkeit im algorithmischen Feed […] ; Anm. d. Red. des SMC).“

„Insbesondere das Herunterranken von Nachrichtenorganisationen halte ich für sehr problematisch mit Blick auf die Ergebnisse der Studie. Das bedeutet nämlich, dass die algorithmische Gruppe nicht nur konservativere Inhalte gesehen hat, sondern auch weniger Inhalte, die mit journalistischen Mitteln überprüft und eingeordnet wurden.“

Alle Infos zur Studie und den Statements hier.

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 24.02.2026

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