Im Großteil der deutschsprachigen Family-Influencing-Profile werden Babys und Kinder bis zu fünf Jahren verantwortungsbewusst von ihren Eltern dargestellt. Nur ein kleiner Teil der Posts zeigt rechtlich bedenkliche Kinderdarstellungen. Das hat ein Team um Dr. Stephan Dreyer und Dr. Claudia Lampert am HBI in einer Studie von über 10.000 Posts auf Instergram, TikTok und Youtube herausgefunden. Im BredowCast erläutert Stephan Dreyer die Studienergebnisse und die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die meisten der rund 360 untersuchten Profile und 10.095 Einzelposts verantwortungsbewusst und zurückhaltend mit der Darstellung der Kinder umgehen. Dies veranschaulicht ein von den Forschenden entwickeltes Ampelsystem:
Grüne Ampel
In mehr als der Hälfte der untersuchten Profile sind die Kinder selten sichtbar, häufig unkenntlich gemacht oder nur von hinten zu sehen. „Wir sehen dort bei den meisten dieser Accounts sehr, sehr zurückgenommene Darstellungen von Kindern. Das heißt also, die treten fast gar nicht oder nur sehr wenig überhaupt in Erscheinung in diesen Beiträgen. Sie sind in der Regel unkenntlich gemacht“, so Stephan Dreyer.
Gelbe Ampel
In etwa einem Drittel der Beiträge sind die Kinder teilweise erkennbar und übernehmen kleinere Rollen. Stephan Dreyer: „Auf einmal kriegt das Kind eine Rolle. Es ist nicht die Hauptrolle in diesem Account, aber es ist auf einmal anwesend und auch als Statist jedenfalls im Bild.“
Rote Ampel
In rund elf Prozent der untersuchten Beiträge spielen Kinder eine tragende Rolle, treten u. a. in privaten Räumen, z. B. dem Kinderzimmer, auf und werden häufig in werbliche Inhalte eingebunden. Dazu Stephan Dreyer: „Die Kinder sind ganz klar gesetzt in diesen Beiträgen oder in den ganzen Profilen, teilweise auch als Protagonisten.“
Risikofaktoren für die dargestellten Kinder
Aus medienethischer Perspektive müsse, so Stephan Dreyer, berücksichtigt werden, dass die Aufnahmen der Kinder auch nach Jahren noch im Internet auffindbar sind. Unter Umständen können derartige frühe Kinder-Aufnahmen später zu Mobbing oder Hänseln führen. Auch das Zuhause kann seine Bedeutung als geschützter Raum verlieren. Stephan Dreyer: „Dann ist das eben nicht mehr das Zuhause, wo Mama und Papa sich um mich kümmern, sondern dann ist das das Zuhause, wo Mama und Papa mir sagen, was ich vor der Kamera machen muss, damit das möglichst gut Umsätze bringt.“
Gleichzeitig betont er, dass die Mitwirkung an Videos Kindern auch durchaus Spaß machen kann und nicht grundsätzlich problematisch ist. Entscheidend sei die Sensibilität der Eltern.
Rechtlicher Handlungsbedarf
Bei monetarisierten Profilen entsteht die Gefahr eines Interessenkonflikts, wenn Eltern wirtschaftlich von der Sichtbarkeit ihrer Kinder profitieren und zugleich deren Rechte wahren sollen. „Wir brauchen im Datenschutzrecht und auch im Persönlichkeitsrecht, also Bildungsschutz insbesondere, (…) Auflösungsregeln für den Fall von Interessenkonflikten“, sagt Stephan Dreyer und ergänzt: „Man müsste sagen, was passiert mit diesen Einwilligungen, die im Rahmen so eines Interessenkonfliktes datenschutzrechtlich erteilt werden? Sind die gültig oder sind die nicht gültig? Und wenn sie nicht gültig sind, wer muss denn einwilligen für das Kind? Das wäre das bessere Gesetz aus meiner Sicht.“ Zudem plädiert er im Bereich Kinderarbeitsschutzrecht zum einen für mehr Awareness auf Seiten der Eltern sowie zum anderen für eine Anpassung der bestehenden behördlichen Regelungen an die Realität von Social Media und Family Influencing.
Verantwortung von Plattformen und der Werbewirtschaft
Stephan Dreyer sieht sowohl Plattformen als auch Werbeagenturen in der Handlungsverantwortung. So könnten Plattformen Kinderschutzstandards in ihre Nutzungsbedingungen aufnehmen. Werbeagenturen könnten zeigen, dass sie Kinderrechte ernst nähmen, indem sie Kooperationsverträge mit den Family Influencenden an Kinderschutzstandards knüpften und beispielsweise Standardvertragsklauseln für Kinderschutz in den Verträgen einfügten.
Fazit
Skandalöse Einzelfälle, wie sie im gesellschaftlichen Diskurs oft verbreitet werden, gab es im untersuchten Sample nicht. Stattdessen hat die Analyse gezeigt, dass die meisten Eltern bemüht sind, verantwortungsvoll mit ihren Kindern umzugehen: „Eigentlich haben die alle ihre Kinder lieb“, sagt Stephan Dreyer. Seine Botschaft lautet daher: Family Influencing bringt reale Risiken und offene rechtliche Fragen mit sich. Zugleich sollte die Debatte nicht von medial verbreiteten Einzelfällen dominiert werden, sondern die überwiegend verantwortungsvolle Praxis vieler Familien berücksichtigen.
Links
- HBI-Studie: Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen
- HBI-Blogbeitrag: Elternglück auf Kosten der Kinder? Ergebnisse einer Studie zu Family-Influencing
- LinkedIn-Blogbeitrag (Stephan Dreyer): Wie werden Babys und Kleinkinder auf monetarisierten Social-Media-Profilen dargestellt?
- klicksafe.de: Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz
- Elternguide.online
- Elternratgeber SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht. – SCHAU HIN!