Demokraten sind nicht notwendigerweise toleranter gegenüber Andersdenkenden als Republikaner. Zu diesem überraschenden Ergebnis ist Anna Boch in ihrer jüngsten Studie gekommen – in der Vergangenheit waren stets die Demokraten als die „Toleranteren“ aus vergleichbaren Studien hervorgegangen. Im BredowCast erzählt die PhD-Studentin der Stanford University und Gastwissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Medienforschung, wie diese Ergebnisse zu interpretieren sind.
Wenn es darum geht, Rednerinnen und Redner mit extremen politischen Ansichten auf US-amerikanischen Universitätscampussen sprechen zu lassen, sind Demokraten – also jene Befragten, die sich selbst als solche bezeichnen – weniger offen für Meinungen, die sich stark von den eigenen unterscheiden. Republikaner sind in dieser Hinsicht „toleranter“.
Um diese Ergebnisse zu verstehen, meint Anna Boch, müsse man den Alltag auf den Universitätscampussen in den USA kennen. Für viele Studierende fungiere der Campus nicht nur als Ort des Lernens und Forschens, sondern auch als ihr Zuhause: Die Mehrheit wohnt in Studierendenheimen direkt auf dem Universitätsgelände. Der Besuch einer Rednerin mit extremen Ansichten habe daher im US-amerikanischen Universitätskontext einen anderen Beigeschmack als an europäischen Universitäten, die eher als Teil des öffentlichen Raumes wahrgenommen würden und mit denen sich die Studierenden weniger stark identifizierten.
Wurden demokratische Probandinnen und Probanden zuerst nach ihrer Einstellung gegenüber einem extrem linken Redner gefragt und erst danach nach ihrer Einstellung zu einem extrem rechten Redner, waren sie tendenziell toleranter gegenüber dem rechten Redner. Außerdem seien Demokraten generell vorsichtiger, wenn das Auftreten einer bestimmten Rednerin die allgemeine Sicherheit gefährden könnte, weil beispielsweise Proteste oder Ausschreitungen drohen.
Anna Boch ist Doktorandin im Fachbereich Soziologie an der Stanford University. Von Juni bis August 2019 war sie als Gastwissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut. Ihr Dissertationsprojekt untersucht die Einstellung amerikanischer Bürgerinnen und Bürger zur Meinungsfreiheit, insbesondere in Bezug auf den Hochschulcampus, sowie die Auswirkungen dieser Freiheit auf den Inhalt des zivilen Diskurses.
Verweise
„The Coddling of the American Mind“ – Atlantic-Artikel von Greg Lukianoff und Jonathan Haidt:
https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2015/09/the-coddling-of-the-american-mind/399356/