Wie politisch handlungsfähig sehen sich Jugendliche? Ergebnisse aus partizipativen Workshops
Viele junge Menschen sehen sich in Medien und Politik nicht repräsentiert und zweifeln an ihrer Selbstwirksamkeit, wie Studien zeigen (z. B. die Befragung „Hört uns zu!“ von 2022 oder die Befragung von 2025 aus dem Projekt „YoungUP!“). Gleichzeitig werden an sie viele Erwartungen herangetragen. Wie (er)leben und bewerten Jugendliche selbst ihre Handlungsfähigkeit? In einem aktuellen Projekt im Rahmen der Initiative #UseTheNews erarbeiten Schülerinnen und Schüler Hindernisse und Fördermöglichkeiten politischer Teilhabe sowie ihre eigene Definition von Selbstwirksamkeit.
Politische Handlungsfähigkeit beginnt nicht erst bei einer Wahl oder der Mitgliedschaft in einer Partei. Sie beginnt viel früher: im Social-Media-Feed, im Klassenraum, im Gespräch mit Freundinnen und Freunden und bei der Frage, ob die eigene Stimme überhaupt zählt. Dabei haben sich die Voraussetzungen verändert, um informiert zu sein, sich eine Meinung zu bilden und mitreden zu können. Für junge Menschen sind politische Informationen zwar jederzeit verfügbar; sie tauchen beiläufig zwischen Unterhaltung, Werbung und Alltagskommunikation auf und können mit wenigen Klicks weiterverbreitet werden. Jedoch erschweren algorithmische Selektion und Falschinformation eine gemeinsame und verlässliche Grundlage für politische Information und Diskussion.
Wenn junge Menschen in einen Zustand versetzt werden sollen, politisch handlungsfähig zu sein, reicht es deshalb nicht, ihnen das Wahlsystem zu erklären oder Parteiprogramme zu zeigen. Doch welche Fähigkeiten und Ressourcen brauchen Jugendliche, um politische Prozesse zu verstehen und durch eigenes Handeln tatsächlich beeinflussen zu wollen? Genau hier setzt ein partizipatives Workshop-Projekt im Rahmen der Initiative #UseTheNews an. Das Besondere an dem Ansatz: Die Jugendlichen werden nicht nur nach ihrer Sichtweise gefragt, sondern sie werden auch an der Ausarbeitung und Interpretation der Ergebnisse beteiligt. Dafür finden pro teilnehmender Schulklasse zwei Workshops in jeweils zwei Doppelstunden statt. Das Konzept hat Dr. Leonie Alatassi mit 25 Schülerinnen und Schülern einer 10. Klasse an einer Hamburger Schule erstmals erprobt.
Was Jugendliche unter Handlungsfähigkeit verstehen
Im ersten Workshop wurde gemeinsam erarbeitet, welche Möglichkeiten die Schülerinnen und Schüler kennen, um politisch oder gesellschaftlich aktiv zu werden. Dabei zeigte sich schnell: Teilhabe wird deutlich breiter verstanden als nur die Teilnahme an Wahlen. Viele berichteten von eigenen Erfahrungen politischer Beteiligung, insbesondere der Teilnahme an Demonstrationen, etwa bei Fridays for Future, gegen die AfD oder in anderen politischen Zusammenhängen. Einzelne nannten auch Beteiligung über Social Media wie das Teilen von Inhalten oder das Erstellen eigener TikToks. Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler verbindet Handlungsfähigkeit eng mit dem Gedanken, Veränderung bewirken zu können. Allerdings schätzen sie ihre soziale und politische Möglichkeit, überhaupt gehört zu werden, als gering ein; in den Medien sehen sie sich noch eher repräsentiert als in der Politik.
In Kleingruppen diskutierten die Schülerinnen und Schüler Statements zur politischen Selbstwirksamkeit, wie: „Ich traue mir zu, mich an einem Gespräch über politische Themen aktiv zu beteiligen“ oder „Wichtige politische Fragen kann ich gut verstehen und einschätzen.“ Die Gruppen benannten Herausforderungen und überlegten, welche Fähigkeiten sie bräuchten, um diese Aussagen mit „Ja“ beantworten zu können. Die Ergebnisse wurden anschließend ausgewertet und im zweiten Workshop zurück gespiegelt. Dort ging es darum, Schwerpunkte und Interpretationen zu validieren und mit den Befunden weiterzuarbeiten. Jede Gruppe entwickelte konkrete Lösungsvorschläge und Unterstützungsangebote.
Die größten Hürden: Desinformation, Distanz und fehlende Anknüpfungspunkte
Wenn es darum geht, informiert zu sein, sich eine Meinung zu bilden oder mitreden zu können, gab es drei Herausforderungen, die in allen sechs Gruppen identifiziert wurden.
- Die größte Herausforderung stellen demnach falsche, irreführende oder widersprüchliche Informationen in sozialen Medien dar. Dazu zählt auch, dass bei schwer verständlichen oder abstrakt vermittelten Themen die Bereitschaft sinkt, sich damit zu beschäftigen.
- Daneben spielen individuelle Faktoren eine wichtige Rolle: mangelnde Motivation, geringes Interesse und das Gefühl, dass politische Themen wenig mit dem eigenen Alltag zu tun haben, erschweren die Teilhabe.
- Ein dritter Bereich betrifft das persönliche Umfeld. Jugendliche brauchen nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch ein Umfeld, das Orientierung gibt, Austausch ermöglicht und Unsicherheiten auffängt.
Entsprechend nannten die Gruppen als wichtige Voraussetzungen Mut, Selbstbewusstsein, kritisches Denken, Recherchefähigkeiten sowie den Zugang zu seriösen und vertrauenswürdigen Quellen. Mit anderen Worten: Handlungsfähigkeit ist keine reine Frage individueller Motivation. Sie hängt auch davon ab, ob junge Menschen lernen, Informationen einzuordnen, ob sie sich etwas zutrauen und ob sie Räume finden, in denen sie ihre Perspektiven erproben können.
Mehr Orientierung, bessere Verständlichkeit und echte Beteiligung als Lösung?

Die von den sechs Gruppen entwickelten Lösungsvorschläge für die identifizierten Herausfordernden zeigen erstaunlich klare gemeinsame Linien.
- Fast alle Gruppen betonen, wie wichtig es ist, vertrauenswürdige Informationen zu erkennen und Informationen über mehrere Quellen zu prüfen – etwa durch das Folgen seriöser Accounts, den Vergleich verschiedener Quellen und den bewussten Umgang mit Desinformation.
- Es wird deutlich, dass Nachrichten- und Informationskompetenz aktiv eingeübt und begleitet werden sollte, etwa durch Unterstützung beim Erkennen schlechter Quellen, durch verständliche Aufbereitung von Themen und durch Bildungsangebote wie Unterricht oder Kindernachrichten.
- Die Gruppen sehen einen wichtigen Ansatz darin, Austausch und Meinungsäußerung zu fördern, also Räume zu schaffen, in denen junge Menschen ihre Meinung vertreten und Unsicherheiten überwinden können.
- Sie hoben hervor, dass politische Themen verständlicher, alltagsnäher und partizipativer vermittelt werden sollten, beispielsweise durch aktuelle Beispiele, Begegnungen mit Politik und echte Mitgestaltungsmöglichkeiten.
Wunsch nach Unterstützung für einen sicheren Umgang mit Informationen
Die Workshops zeigen, dass sich die Schülerinnen und Schüler vor allem mehr konkrete Unterstützungsangebote zur Informations- und Meinungsbildung im schulischen und außerschulischen Kontext wünschen. Beispielsweise wurden Ideen für Kompetenzworkshops und Unterrichtsformate vorgeschlagen, in denen der Umgang mit seriösen Quellen, das Überprüfen von Informationen, das Recherchieren sowie das Erkennen von Argumenten und Gegenargumenten erprobt werden können.
Daneben wurden analoge Austausch- und Übungsräume als Angebote identifiziert, in denen junge Menschen unterschiedliche Meinungen kennenlernen, ihre eigene Position vertreten und Präsentations- oder Debattenfähigkeiten entwickeln können. Darüber hinaus spielen vertrauenswürdige Bezugspersonen wie Lehrkräfte, Eltern oder Freundinnen und Freunde eine wichtige Rolle als Unterstützung. Insgesamt wünschen sich die Gruppen also vor allem mehr Anleitung, mehr Übung, mehr Orientierung und mehr niedrigschwellige Angebote und Orte, um sicherer und selbstständiger im Umgang mit Informationen zu werden.
So geht es weiter
Die ersten Workshops machen deutlich: Viele junge Menschen wollen sich einbringen. Damit aus dieser Bereitschaft tatsächliche Handlungsfähigkeit wird, brauchen sie nicht nur Informationen. Wichtig sind auch Unterstützung bei ihrer charakterlichen Entwicklung und Räume, in denen sie ihre Fähigkeiten erproben und ausbauen können.
Im Rahmen des kostenfreien Bildungsprogramms für Hamburger Schulen „WasserWetterWaterkant2026“ können sich Schulklassen für die Teilnahme an einem zweiteiteiligen Workshop im Zeitraum zwischen dem 21. September und 2. Dezember 2026 bewerben. Die Anmeldephase startet nach den Hamburger Sommerferien am Mittwoch, dem 19. August 2026. Das Programm dazu ist online verfügbar.
Bilder: Fotos aus den Workshops, Leonie Alatassi/HBI.
Letzte Aktualisierung: 30.07.2026