Was Gespräche mit Andersdenkenden verändern können

Bei dem ARD-Dialogformat „Was Deutschland verbindet“ kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen miteinander ins Gespräch. Das HBI erforscht begleitend, wie sich die Diskussionen auf die Einstellungen der Teilnehmenden auswirken. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

von Jan-Hinrik Schmidt und Fenja De Silva-Schmidt

Eine große Mehrheit der Bürger*innen sieht eine zunehmende Polarisierung der Meinungen in der Gesellschaft als Problem, wie zuletzt etwa das MIDEM Polarisierungsbarometer 2025 gezeigt hat. Zugleich spricht viel dafür, dass diese Sorge vor allem auf der Wahrnehmung von „kommunikativer Polarisierung“ (Nils Kumkar) beruht: Wir erleben die Gesellschaft als gespalten, weil wir in Politik und Medien – insbesondere den sozialen Medien – beobachten, wie sich Meinungen entlang gegensätzlicher Pole ausrichten. Wenn im Alltag dann Gelegenheiten fehlen, sich über das engere soziale Umfeld hinaus mit anderen über unterschiedliche Ansichten, Weltbilder und Werte auszutauschen, kann schnell der Eindruck entstehen, wir könnten als Gesellschaft gar nicht mehr konstruktiv streiten.

Das Experiment: Zwei Tage Dialog vor laufender Kamera

In dem zweitägigen Experiment „Was Deutschland verbindet“ hat die ARD daher 84 Menschen eingeladen, vor der Kamera offen miteinander zu diskutieren – über alle Unterschiede in Alter, Herkunft und politischer Einstellung hinweg. Das Dialogprojekt hatte das Ziel, die 84 Teilnehmenden symbolisch für die vielfältige Bevölkerung von 84 Millionen Menschen in Deutschland in den Austausch zu bringen. Sowohl die Veranstaltung selbst als auch die Ausstrahlung in den Kanälen der ARD soll helfen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen. Das HBI, das insbesondere durch seine Beteiligung am „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ seit Jahren untersucht, wie Medien und Kommunikation das gesellschaftliche Miteinander beeinflussen, begleitet die Aktion wissenschaftlich.

Eine besondere Gelegenheit für die Forschung

Kern dieser wissenschaftlichen Begleitung ist eine dreiteilige Befragung der 84 Diskutant*innen. Sie soll Aufschlüsse geben, welche Erwartungen und Einschätzungen sie haben und ob das besondere Setting des Diskussionsformats dazu führt, dass sich ihre dialogbezogenen Einstellungen und Wahrnehmungen des Zusammenlebens kurz- oder längerfristig verändern. Die Teilnehmenden haben dazu vor der ersten Diskussion und direkt nach den zwei Veranstaltungstagen einen Fragebogen ausgefüllt; in die Auswertung gehen 83 (Samstag) bzw. 77 (Sonntag) Fragebögen ein. Eine dritte und letzte Befragung ist nach der Sommerpause geplant. Die (Zwischen-)Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die Bevölkerung, sollten also nicht über den Kontext der Diskussionsrunde hinaus verallgemeinert werden.

Die Diskussionen haben funktioniert

Vor der Diskussionsrunde überwog die Ansicht, dass öffentliche Debatten immer zugespitzter geführt werden (83% stimmen weitgehend oder voll & ganz zu) und dass konstruktive Gespräche zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten selten geworden seien (85% Zustimmung). Etwa die Hälfte der Teilnehmer*innen (49%) war sogar der Ansicht, die Gesellschaft sei in unversöhnliche Lager gespalten. Zugleich äußerten zwei Drittel der Teilnehmer*innen (63%) die Erwartung, andere Sichtweisen kennen lernen zu wollen; knapp 45 Prozent gaben an, Brücken zwischen unterschiedlichen Ansichten bauen zu wollen.

In der unmittelbaren Nachbefragung gab es sehr positive Rückmeldungen: Alle Befragten stimmten zu, dass sie interessante Menschen kennengelernt hätten und die Diskussion Raum für gegenseitiges Zuhören zwischen unterschiedlichen Gruppen geschaffen habe. Nahezu alle stimmten außerdem zu, dass sie ihre eigene Meinung in den Dialog einbringen konnten (94%) und dass die Diskussion offen sowie ohne Vorurteile ablief (92%).

Diese Befunde deuten also darauf hin, dass es in einem guten Rahmen und mit einigen wenigen Grundregeln für den Austausch durchaus gelingen kann, Menschen aus sehr unterschiedlichen Hintergründen in Gespräch zu bringen und konstruktiv zu streiten. (hier Verweis auf Yanas Blog-Beitrag)

Wenig, aber tendenziell positive kurzfristige Veränderungen

Die Befragung enthält einen individualisierten Code, mit dessen Hilfe sich jeweils die Fragebögen einer Person zuordnen lassen, zugleich aber die Anonymität der Befragten gewahrt bleibt. So können Veränderungen nicht nur im Durchschnitt aller Befragten, sondern auch auf individueller Ebene ermittelt werden. Zwischen erster und zweiter Befragung lassen sich so die dialogbezogenen Einstellungen näher untersuchen. Die dritte Befragung wird noch weitere Vergleichsmöglichkeiten, etwa zur Wahrnehmung der gesellschaftlichen Polarisierung, eröffnen. Die Analyse zeigt, dass es bei der Mehrzahl der Teilnehmenden (je nach Aussage zwischen 50 und 68%) keine Veränderung gibt: Sie schätzten die Aussagen auf einer vierstufigen Skala (stimme voll und ganz zu – stimme weitgehend zu – stimme weniger zu – stimme gar nicht zu) vor und nach der Diskussionsrunde jeweils gleich ein. Aber bei einzelnen Einstellungen zeigen sich durchaus interessante Verschiebungen:

  • „Ich habe keine Schwierigkeiten, meine Meinung zu ändern, wenn ich überzeugende Gegenargumente höre“: 19 Personen haben sich nach der Diskussionsrunde stärker in Richtung Zustimmung bewegt, 8 Personen stärker in Richtung Ablehnung.
  • „Wenn Menschen eine andere Meinung haben als ich, vermeide ich längere Diskussionen lieber“: 21 Personen über alle Altersgruppen hinweg haben sich stärker in Richtung Zustimmung bewegt, 14 Personen stärker in Richtung Ablehnung, letztere waren eher Personen über 50 Jahren.
  • „Wenn Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinandertreffen, braucht es jemandem, der eine klare Entscheidung in die eine oder andere Richtung trifft“: 22 Personen haben sich stärker in Richtung Zustimmung bewegt, vorrangig Personen unter 50 Jahren; 7 Personen haben sich in Richtung Ablehnung bewegt.
  • „Zu einer Demokratie gehört, dass man alle Meinungen akzeptiert, egal wie merkwürdig oder strittig sie sind“: 14 Personen haben sich stärker in Richtung Zustimmung bewegt, 8 Personen in Richtung Ablehnung.

Diese Antworten sind noch unter dem unmittelbaren Eindruck der gesprächsintensiven und nicht moderierten Diskussionen gegeben worden. Sie zeigen, dass zumindest manche der Teilnehmer*innen mehr Offenheit für andere Ansichten verspüren, was sich auch auf ihre eigene Meinungsbildung auswirken mag. Zugleich gingen offensichtlich auch Teilnehmer*innen mit dem Gefühl aus der Runde, dass lange Diskussionen mit Andersdenkenden anstrengend sind, insbesondere wenn sie nicht zu einem Abschluss bzw. einer Entscheidung geführt werden. Inwiefern diese Einstellungsveränderungen aber auch tatsächlich länger anhalten, wird sich erst nach der letzten Befragung im September zeigen.

Kontakt

Projektteam am Leibniz-Institut für Medienforschung: PD Dr. Jan-Hinrik Schmidt, Milena Braun, Yana Novitskaya

Letzte Aktualisierung: 08.06.2026

Projektbezug:

Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Forschungsprogramm:

FP 1 Transformation öffentlicher Kommunikation

Beteiligte Personen:

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