Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen

Wie häufig und auf welche Weise werden Babys und Kleinkinder (0–5 Jahre) in kommerziell ausgerichteten deutschsprachigen Social-Media-Profilen auf Instagram, TikTok und YouTube dargestellt? Stephan Dreyer, Claudia Lampert, Kira Thiel et al. analysieren diese Frage qualitativ und quantitativ und diskutieren die Ergebnisse kritisch auf Grundlage des geltenden Rechtsrahmens sowie medienethischer Erwägungen.

Cover des ArbeitspapiersStudie zum Download (Open Access): Dreyer, Stephan; Lampert, Claudia; Thiel, Kira; Altun, Aysu (2026): Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen. Unter Mitarbeit von Azade Kakavand und Philipp Kessling. Verlag Hans-Bredow-Institut, April 2026 (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts | Projektergebnisse Nr. 82). https://doi.org/10.21241/ssoar.109268, ISSN 1435- 160-0, ISBN 978-3-87296-201-0

Zusammenfassung der Studie

Untersucht wurden insgesamt 359 Profile von 201 Family-Influencer*innen auf den drei Plattformen. Über die Hälfte nutzt zwei bis drei Plattformen parallel; diese Mehrfachpräsenz korreliert mit höheren Gesamtreichweiten. Das Sample hat insgesamt eine Reichweite von 100 Mio. Follower*innen. Für die Analyse der Darstellung von Kindern wurden 10.095 Beiträge mit insgesamt 156.362 Einzelszenen berücksichtigt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder im Family Influencing häufig präsent, aber selten durchgehend zentral sind. Insgesamt sind Kinder in 44 Prozent aller Beiträge dargestellt. Auf Youtube finden sich im Verhältnis die meisten Kinderdarstellungen im Sample, auf TikTok die wenigsten.

Mehr als zwei Drittel der Influencer*innen nutzen Maßnahmen zur Unkenntlichmachung (z. B. Kamerawinkel, Overlays, Verpixelung). Dennoch sind Kinder in etwa einem Drittel der Beiträge identifizierbar, insbesondere bei reichweitenstarken Accounts, wobei 0- bis 2-jährige Kinder überrepräsentiert sind.

Die Ergebnisse der qualitativen Analyse lassen zudem deutliche Unterschiede hinsichtlich der Ausrichtung der einzelnen Accounts erkennen. In einigen Fällen wird deutlich, dass sich die Influencer*innen frühzeitig Gedanken über den Schutz der Privatsphäre des Kindes gemacht und Wege gefunden haben, dennoch ihre Influencer-Praktiken auszuüben.

Andere Family Influencer*innen teilen offen Details aus ihrem Familienleben inklusive von Darstellungen ihrer Kinder, ohne deren Gesichter zu kaschieren. Unterschiede zeichnen sich auch hinsichtlich der Anzahl und dem Alter der Kinder ab. Ältere Kinder agieren teilweise aktiv vor und mit der Kamera.

Die Darstellung von Kindern in monetarisierten Social-Media-Profilen wirft erhebliche rechtliche und ethische Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf das Datenschutzrecht, das Persönlichkeitsrecht und die familiale und persönliche Privatsphäre der Kinder. Die kommerzielle Nutzung kindlicher Präsenz und Lebenswelten kann mit deren Schutzbedürfnissen kollidieren und die elterliche Fürsorgepflicht aufgrund widerstreitender wirtschaftlicher Interessen an strukturelle Grenzen geraten.

Die Ergebnisse sowohl der quantitativen als auch der qualitativen Analyse zeigen, dass Kinder häufig als Authentizitätsnachweis, Interaktionsaspekt und Community-Verstärker fungieren. Aus kinderethischer Perspektive ist dies problematisch, weil Kinder zu Mitteln wirtschaftlicher Zwecke werden, ohne selbst über diese (Aus-)Nutzung entscheiden zu können. Die Folge ist weniger eine punktuelle Verletzung der kindlichen Würde, sondern die potenziell nachhaltige und strukturelle Beeinträchtigung der persönlichen Integrität des Kindes und seines Rechts auf eine offene Zukunft. Insbesondere die Dauerhaftigkeit und Wiederholung kindlicher Darstellungen erzeugt digitale Spuren und kann externe Erwartungshaltungen erzeugen, die der späteren Selbstdefinition des Kindes vorgreifen.

Vor dem Hintergrund der empirischen Daten und des rechtlichen und medienethischen Rahmens entwickelt die Studie konkrete Handlungsoptionen für Gesetzgeber und Politik, Aufsichtsbehörden und Jugendhilfe, Plattformbetreiber, die Werbewirtschaft sowie die Eltern und Influencer*innen selbst.

Wenngleich den quantitativen und qualitativen Daten zufolge das Gros der Family-Influencer*innen darauf zu achten scheint, dass ihre Kinder nicht im Kontext werblicher Posts gezeigt werden und auch nicht erkennbar sind, finden sich Anhaltspunkte, dass es manchen Influencer*innen nicht gelingt, das Spannungsfeld zwischen kommerziellen Interessen bzw. Social-Media-Praktiken und elterlicher Fürsorge aufzulösen, bzw. sie sich nicht bewusst sind, dass ihr Account einen monetarisierten Rahmen darstellt, in dem andere Regeln für die Darstellung von Kindern gelten als beispielsweise beim „Sharenting“ durch Privatpersonen. Hier gilt es, entsprechende Sensibilisierungsmaßnahmen und entsprechende Informations- und Unterstützungsangebote zu entwickeln, die einer unbedachten Darstellung von Kindern vorbeugen. Daneben sollten Möglichkeiten für eine verbesserte Rechtsaufsicht oder weniger invasive und bürokratische Verfahren für Eltern, die sich rechtstreu verhalten möchten, diskutiert werden. Darüber hinaus sollten Möglichkeiten aufgezeigt werden, auch rückwirkend Content anzupassen, um der Elternverantwortung und Fürsorgepflicht bestmöglich nachkommen zu können.

Überblick

Erscheinungsdatum

14.04.2026

Art der Publikation

Projektbezug:

Babys und Kleinkinder als Family Influencer

Forschungsprogramm:

FP 3 Wissen für die Mediengesellschaft

Kompetenzbereich:

Kompetenzbereich Aufwachsen in digitalen Medienumgebungen

Beteiligte Personen:

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