„Er macht halt alles richtig. Der ist einfach smart” – Sichtweisen von Jugendlichen auf KI

„KI and me – in künstlicher Beziehung“ lautet das Motto des Safer Internet Days 2026. Längst werden KI-Anwendungen nicht mehr nur für Hausaufgaben genutzt, sondern auch als Ratgeber*in und Gesprächspartner*in. Dieser Blogbeitrag wirft einen Blick auf die Erfahrungen von Jugendlichen mit KI und zeigt: In Schule und Elternhaus fehlt oft der Raum für eine gemeinsame Auseinandersetzung damit, welche Rolle KI in unserem Alltag spielen soll. Der Safer Internet Day bietet einen guten Anlass, darüber ins Gespräch zu kommen.

von Claudia Lampert & Kira Thiel

Die Nutzung generativer KI, insbesondere ChatGPT, hat sich als Teil der Online-Nutzung Jugendlicher etabliert. Laut Daten der aktuellen EU Kids Online-Erhebung aus 17 europäischen Ländern haben 72 Prozent der befragten 13- bis 17-Jährigen im letzten Monat generative KI genutzt (Staksrud et al., 2026). Der JIM-Studie 2025 zufolge berichten sogar 91 Prozent der Befragten, generell mindestens eine KI-Anwendung einzusetzen (2024: 62 %) (Feierabend et al., 2025). Angesichts dieser Zahlen stellt sich daher nicht mehr die Frage, „ob Jugendliche KI einsetzen, sondern wie häufig, in welcher Form und wofür“ (Feierabend et al., 2025, S. 61). Wurden anfangs die Möglichkeiten generativer KI spielerisch ausgetestet, haben sich verschiedenen Anwendungen mittlerweile bei vielen als Alltagswerkzeuge etabliert, die sowohl im schulischen Kontext als auch in der Freizeit zum Einsatz kommen (Feierabend et al., 2025).

Im Rahmen einer international vergleichenden Studie des Forschungsverbundes EU Kids Online wurde genauer untersucht, welche Rolle generative KI im Alltag von Jugendlichen spielt, zu welchen Zwecken sie generative KI-Anwendungen nutzen, über welches Wissen und welche Kompetenzen sie verfügen und inwieweit die Nutzung begleitet stattfindet bzw. unterstützt oder reglementiert wird (Staksrud et al., 2026). Hierzu wurden in 15 Ländern qualitative Interviews durchgeführt. Am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) fanden diese zwischen April und August 2025 mit 15 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren statt (Thiel et al., 2026).

KI ist fester Bestandteil des Alltags von Jugendlichen

Generative KI ist für Jugendliche längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr, sondern Teil ihres Alltags. Alle befragten Jugendlichen hatten bereits Erfahrungen mit KI-gestützten Anwendungen gemacht – sei es im schulischen Kontext oder über Freundinnen und Freunde. Dabei zeigt sich jedoch: Das genutzte Repertoire ist meist überschaubar. Im Mittelpunkt steht vor allem ChatGPT, während andere KI-Anwendungen deutlich seltener verwendet werden. Wie häufig KI zum Einsatz kommt, variiert stark und hängt vor allem davon ab, welchen konkreten Nutzen die Jugendlichen für sich darin sehen.

Im schulischen Zusammenhang wird KI vor allem als Werkzeug eingesetzt, um nach Informationen zu recherchieren, Texte oder Präsentationen zu erstellen oder zu überarbeiten. Doch auch jenseits schulischer Kontexte greifen Jugendliche vermehrt auf generative KI zurück – etwa bei konkreten Alltagsproblemen oder persönlichen Fragen. In solchen Situationen fungiert KI zunehmend als ein*e Art Kommunikationspartner*in, die*der jederzeit verfügbar ist, um Feedback zu geben, Ideen zu entwickeln oder bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen.

„Wie Google, nur halt präziser“

Generative KI unterscheidet sich für Jugendliche deutlich von bisherigen digitalen Angeboten. Ihre interaktiven und kommunikativen Eigenschaften eröffnen neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion – und genau diese Besonderheiten prägen, wie Jugendliche KI wahrnehmen, welche Eigenschaften sie ihr zuschreiben und wie sie die Nutzung erleben. Dabei zeigt sich: Die Vorstellungen von KI sind eng an konkrete Anwendungen und Nutzungskontexte gebunden und entstehen häufig im Vergleich mit bereits bekannten Technologien, aber auch in Abgrenzung zu Menschen.

Chatbots wie ChatGPT werden häufig mit Suchmaschinen wie Google verglichen. Besonders geschätzt wird, dass Antworten passgenau formuliert sind und Informationen übersichtlich und ohne langes Suchen bereitgestellt werden. Die Möglichkeit, auf Antworten direkt reagieren, nachfragen und Ergebnisse schrittweise verfeinern zu können, wird als zentrales Merkmal und Vorteil generativer KI gegenüber klassischen Suchmaschinen wahrgenommen.

„Das ist, wie wenn du irgendjemand nach Hilfe fragst oder deinen Lehrer fragst”

Im Vergleich zu Menschen ziehen die Jugendlichen jedoch klare Grenzen. Im Gegensatz zu Menschen habe KI keinen Körper, keine Gefühle, keine Persönlichkeit und keine eigenen Erfahrungen. KI wird vielmehr als technisches System gesehen, das 24/7 verfügbar ist, „einfach nur unnormal viel“ weiß, aber nicht wirklich präsent ist. Gleichzeitig wird sie von einigen aber auch als „allwissend“ und intelligenter als Menschen beschrieben.

„Nee, der hat keine Gefühle. Was willst du mit dem Ding? Außerdem ist es nicht, Wie nennt man das? Anfassbar. Es hat nicht mal ein Gesicht. Du redest mit deinem Handy.“ (Roxy, 13 Jahre)

Auffällig ist, dass Jugendliche sehr genau wahrnehmen, wie stark KI menschliche Kommunikation imitiert. Dieses Verhalten löst unterschiedliche Reaktionen aus: Manche empfinden es als praktisch oder hilfreich, andere als irritierend, befremdlich oder sogar ein wenig unheimlich. Unabhängig davon, wie es wahrgenommen wird, unterstützt es den Eindruck von der KI als Kommunikationspartner*in, mit der man etwas gemeinsam erarbeitet oder der bzw. die zuhört, antwortet und bei kleineren oder größeren Entscheidungsfragen hilft.

„Die künstliche Intelligenz judged dich nicht, also die wird nie das machen. Und […] ich finde, sie versteht dich einfach besser. Und außerdem, sie wird, wie gesagt, nie judgen und ist immer so lieb zu dir und so.“ (Nayla, 16 Jahre)

Teilweise werden sogar freundschaftsähnliche Beziehungen beschrieben, insbesondere dort, wo Jugendliche im Alltag wenig Aufmerksamkeit erfahren und sich von der KI verstanden fühlen.

Wenig Auseinandersetzung mit Risiken

Die Interviews mit den Jugendlichen zeigen, dass generative KI als ein hybrides Angebot wahrgenommen wird, dessen Bedeutung und Funktion je nach Nutzungskontext und individuellen Bedürfnissen variieren. Einige Jugendliche scheinen die Potenziale von KI-Technologien für sich besser nutzen zu können als andere. Unklar bleibt allerdings, wie sie mit etwaigen Risiken, wie z. B. Desinformationen, Deepfakes oder einfach auch falschen oder fehlerhaften Informationen, umgehen. Die Berichte der Jugendlichen deuten vielmehr darauf hin, dass sie die Möglichkeiten von KI derzeit überwiegend auf eigene Faust erkunden und dass weder im Elternhaus noch in der Schule Raum vorhanden ist, um sich damit zu auseinanderzusetzen, welchen Stellenwert wir der KI in unserem Alltag beimessen wollen. Der Safer Internet Day ist ein guter Anlass, darüber gemeinsam ins Gespräch zu kommen.

Referenzen

Feierabend, S., Rathgeb, T., Gerigk, Y., & Glöckler, S. (2025). JIM-Studie 2025: Jugend, Information, Medien: Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. https://mpfs.de/studie/jim-studie-2025/

Staksrud, E., Mascheroni, G., Milosevic, T., Ní Bhroin, N., Ólafsson, K., Şengül-İnal, G., & Stoilova, M. (2026). European Children’s Use and Understanding of Generative AI. EU Kids Online 2026. https://doi.org/10.21953/researchonline.lse.ac.uk.00137132

Thiel, K., Lampert, C., & Memis, E. (2026). Generative KI aus Sicht von Jugendlichen. Eine qualitative Studie im Rahmen des Projekts „EU Kids Online“. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Februar 2026. https://doi.org/10.21241/ssoar.108066

Weitere Links

Zum Forschungsverbund EU Kids Online

Zur deutschen Website des Forschungsverbundes

Zur Projektwebseite am HBI

Bild:  KI-unterstützt erstellt von Kira Thiel

Letzte Aktualisierung: 10.02.2026

Projektbezug:

EU Kids Online

Forschungsprogramm:

FP 3 Wissen für die Mediengesellschaft

Kompetenzbereich:

Kompetenzbereich Aufwachsen in digitalen Medienumgebungen

Beteiligte Personen:

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