Woran zweifeln Sie?

Zweifel fungiert als Schnittstelle zwischen Wissen, Vertrauen und Handlung: Er verweist auf strukturelle Probleme in Informations- und Regelsystemen und ist zugleich eine zentrale Ressource für kritische Urteilsbildung in einer komplexen digitalen Öffentlichkeit. Wir haben im Rahmen des Hausbesuchs am HBI eine Research Clinic zum Thema Zweifel durchgeführt. Die Ergebnisse sind in diesem Blogbeitrag zusammengefasst.

von Katharina Mosene, Prof. Dr. Matthias C. Kettemann, Dr. Leonie Alatassi und Prof. Dr. Judith Möller

Anlass und Ziel

Zu Beginn des Jahres hat das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) ein Team für agile Formate ins Leben gerufen. Hier werden wissenschaftliche Formate und Transferformate geplant und umgesetzt, die sowohl eingesetzt werden, um Wissen zu generieren, als auch Wissen in die Breite zu tragen.

Zu diesen neuen Formaten gehören auch sogenannte Research Clinics:  interaktive, forschungsnahe Formate, in denen Teilnehmende aus unterschiedlichen Disziplinen oder mit verschiedenen Hintergründen gemeinsam an einer konkreten Fragestellung arbeiten. Im Mittelpunkt stehen der Austausch von Perspektiven, das Diskutieren von Thesen und die Entwicklung neuer Erkenntnisse oder Lösungsansätze. Anders als klassische Workshops verbindet eine Clinic wissenschaftlichen Input mit kollaborativen Arbeitsphasen und ermöglicht so eine verdichtete, praxisnahe Auseinandersetzung mit komplexen Themen.

Beim HBI-Hausbesuch haben wir Nachbar*innen und Kolleg*innen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft dazu eingeladen, im Rahmen einer Mini-Clinic mit uns produktiv „zu zweifeln“. Dr. Leonie Alatassi, Prof. Dr. Judith Möller und Prof. Dr. Matthias C. Kettemann brachten dabei ganz unterschiedliche disziplinäre Erkenntnisse und Perspektiven zum Thema Zweifel als Grundlage in die Diskussion ein. Unsere Gäste und Teilnehmer*innen bekamen Input aus der Perspektive der Mediennutzungsforschung, aus rechtswissenschaftlicher sowie aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. In dieser interdisziplinären Clinic wurde diskutiert, woran (junge) Menschen zweifeln und was dieser Zweifel über gegenwärtige Informations- und Gesellschaftsordnungen verrät. 

Ziel der Clinic war es, unseren Institutsblick auf das Thema Zweifel zu schärfen und gemeinsam mit Bürger*innen und relevanten Stakeholdern einzuordnen, welche Rolle das HBI als Wissenschaftsinstitution im Spannungsfeld zwischen Zweifel und Fakten zukünftig einnehmen kann.

Ergebnisse

Zweifel, so machen die Ergebnisse der Clinic deutlich, ist kein Randphänomen, sondern ein strukturierendes Element digitaler Öffentlichkeiten. 

Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht richtet sich Zweifel zunehmend gegen mediale Informationsumgebungen. Intransparente Quellen, algorithmische Auswahlprozesse und Plattformlogiken erschweren es, Relevanz einzuordnen: Wer entscheidet eigentlich, was sichtbar wird und welche Rolle spielt Journalismus noch? Vertrauen wird dabei nicht grundsätzlich aufgegeben, sondern situativ ausgehandelt. 

Die rechtswissenschaftliche Perspektive zeigt ergänzend, dass Zweifel auch auf institutionelle Strukturen zielt. Viele nehmen eine Lücke zwischen technologischer Entwicklung und rechtlicher Regulierung wahr. Es bleibt oft unklar, wer Verantwortung trägt – Staat, Plattformen oder Individuen. Daraus entsteht nicht nur Skepsis gegenüber der Wirksamkeit von Recht, sondern auch eine weitergehende Frage: Gibt es nicht sogar ein Recht, oder gar eine Pflicht, zu zweifeln und seine Zweifel zu äußern, gerade in komplexen digitalen Umgebungen?  

Die Jugendmedienforschung wiederum macht deutlich, dass Zweifel ein zentraler Bestandteil alltäglicher Orientierung ist. Junge Menschen bewegen sich „zwischen Fakten und Feelings“, geprägt von sozialen Medien, Peers und individuellen Erfahrungen. Zweifel fungiert hier nicht nur als Unsicherheit, sondern als aktive Praxis der Einordnung. Gleichzeitig zeigen sich neue Kompetenzanforderungen: Im Zusammenhang mit generativer KI kommt es sowohl zu einem Abbau bestimmter Fähigkeiten (Deskilling) als auch zum Aufbau neuer Kompetenzen (Upskilling). Gleichzeitig entstehen zunehmend Kompetenzlücken.

Über alle Perspektiven hinweg kristallisierten sich in den Diskussionen vier zentrale Themen heraus:  

  • Vertrauen: Zweifel an Institutionen ist verbreitet, aber nicht absolut – entscheidend ist, wie Vertrauen neu hergestellt werden kann.   
  • Relevanz: Die Frage, wer Sichtbarkeit und Bedeutung bestimmt, wird zentral für öffentliche Meinungsbildung. Insbesondere marginalisierte Gruppen zweifeln häufiger an Informationen, weil ihre Perspektiven zu selten repräsentiert sind; ein Befund, der sich auch bei jungen Menschen mit niedriger formaler Bildung und Einwanderungsgeschichte zeigt und eng mit der Frage nach gesellschaftlicher Relevanz verknüpft ist.  
  • Grundlagenforschung: Um Zweifel zu verstehen, braucht es Analysen der zugrunde liegenden Dynamiken, einschließlich individueller Dispositionen.   
  • Kompetenz: Der Umgang mit Unsicherheit wird selbst zur Schlüsselkompetenz in digitalen Wissensordnungen.   

Besonders deutlich wurde: Zweifel ist nicht nur ein Problem, sondern kann als produktive Kraft verstanden werden. Er wirkt als Disruption, indem er bestehende Ordnungen infrage stellt, eröffnet aber zugleich Räume für Reflexion und Kritik. Daraus ergibt sich eine neue Herausforderung: Zweifel nicht zu reduzieren, sondern ihn bewusst zu inzentiveren und zu gestalten – als Technik, die gelernt und gelehrt werden kann.  

Die zentrale Frage lautet daher nicht, wie Zweifel überwunden werden kann, sondern: Wie lässt sich ein reflektierter, informierter und handlungsfähiger Zweifel fördern?

Hintergrund

Das HBI plant, ab 2027 das Thema Zweifel als leitendes Thema im Institut zu bearbeiten und aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven Anschlüsse herzustellen. Die Erkenntnisse aus der Mini-Clinic dienen als ein Ausgangspunkt. 

Foto: (c) Leibniz-Institut für Medienforschung / Jann Wilken

Letzte Aktualisierung: 07.05.2026

Beteiligte Personen:

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