BRC108 Erwartungen an Journalist*innen und die Rolle des konstruktiven Journalismus

Welche Ansprüche stellen Journalist*innen an ihr eigenes berufliches Handeln? Welche Erwartungen richtet die Bevölkerung an den Journalismus? Und welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem konstruktiven Journalismus zu? Verena Albert, Mitarbeiterin am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt am HBI, diskutiert im BredowCast Ergebnisse aus ihrer Forschung zur Journalismus- Publikumsbeziehung. Als Referenzrahmen dient u.a. eine repräsentative Befragung, die im Rahmen der Worlds of Journalism-Studie von Anna von Garmissen und Prof. Dr. Wiebke Loosen durchgeführt wurde.

Für die genannte Studie wurden 1.221 Journalist*innen von insgesamt rund 40.000 hauptberuflich tätigen Journalist*innen in Deutschland befragt. Ergänzend wurden 1.001 Personen aus der Gesamtbevölkerung befragt, die rund 84 Millionen Menschen in Deutschland repräsentieren. Die Erhebung fand 2024 statt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Journalist*innen ihre Rolle primär im Ideal des „unparteiischen Beobachters“ verorten: Besonders wichtig sind ihnen das Einordnen und Analysieren des aktuellen Geschehens, die Vermittlung von Informationen, die Befähigung des Publikums zur Meinungsbildung sowie Desinformationen entgegenzuwirken.

Das Publikum wiederum teilt viele dieser Erwartungen. Auffallend stärker als die Journalist*innen selbst gewichtet die Bevölkerung z.B. die Funktion, Frieden und Toleranz zu fördern. Zum einen gibt es also den Wunsch nach Unparteilichkeit, zum anderen aber auch konkretem Engagement. Aufgrund der Verschiedenartigkeit der journalistischen Gattungen, Darstellungsformen etc. und dem vielschichtigen Medienrepertoire der Menschen sei dies jedoch kein Widerspruch, so Verena Albert.

Was kann in diesem Zusammenhang der konstruktive Journalismus leisten? Kann er als spezifische journalistische Praxis, die über reine (Problem)-Berichterstattung hinausgeht und Kontext, Zukunftsperspektiven und mögliche Lösungen einbezieht, auf die Wünsche des Publikums einzahlen? Und kann er tatsächlich Menschen kurzfristig oder langfristig zu demokratischen Handlung ermächtigen? Und wie schaut das international eigentlich aus? Verstehen alle überall das gleiche, wenn von „konstruktivem Journalismus“ gesprochen wird?

Verena Albert erläutert im BredowCast: Konstruktiver Journalismus wird nicht als umfassende Lösung für alle Publikumserwartungen verstanden, sondern als eine journalistische Form unter mehreren. Er kann, gerade aufgrund seiner Lösungsorientierung, bestimmte Erwartungen erfüllen, ist aber nicht dafür zuständig, andere – etwa das Bedürfnis nach „nackten klassischen Fakten“ – in gleichem Maße zu bedienen. In dieser Logik fungiert er als ergänzende Facette, ähnlich wie auch der Investigativjournalismus, nicht als Ersatz für andere journalistische Formen.

Experimentelle Studien zeigen, dass Rezipient*innen sich nach der Lektüre konstruktiver Beiträge durchaus hoffnungsvoller oder motivierter fühlen. Kurzfristige Effekte sind also erkennbar. Langfristige Effekte – etwa nachhaltige politische Teilhabe oder tatsächliches Handeln – lassen sich allerdings nicht belastbar nachweisen.

Ein zentrales Ergebnis der Analyse von 126 englischsprachigen, wissenschaftlichen Studien zum Thema konstruktiver Journalismus ist, dass eben dieser kein global einheitliches Konzept darstellt. Verena Albert verweist auf unterschiedliche politische Systeme und Mediensysteme. Was beispielsweise in China als konstruktiver Journalismus verstanden wird, würde hierzulande eher als positiver Journalismus deklariert werden.

Festhalten lässt sich: Journalismus und Publikum bedingen sich gegenseitig. Hier in Deutschland ist die Beziehung zwischen Journalismus und Publikum insgesamt stabil, mit vielen gemeinsamen Erwartungen an journalistische Arbeit. Gleichzeitig ist das Verhältnis in einem stetigen Wandel begriffen, der bedingt, dass neue Erwartungen entstehen, andere verlieren an Bedeutung. Entscheidend ist, dass beide Seiten die Perspektive der jeweils anderen verstehen. Die Forschung leistet diesbezüglich einen wichtigen Beitrag.

Links:

Publikation „Von der Kluft zum Konsens“ I Anna von Garmissen und Verena Albert (2024): https://www.researchgate.net/publication/383827084_Von_der_Kluft_zum_Konsens

Bericht der globalen Forschungsstudie „Worlds of Journalism“ I Leitung: Prof. Dr. Wiebke Loosen (2025): https://leibniz-hbi.de/hbi-news/bericht-der-globalen-forschungsstudie-worlds-of-journalism/

Publikation „Mit Interventionismus oder Selbstermächtigung zu einem guten Zusammenleben? Journalistische Rollenerwartungen und Ideale des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der deutschen Bevölkerung I Verena Albert und Hannah Immler (2025): https://www.inlibra.com/de/document/view/pdf/uuid/13c77e6e-8375-3393-9be6-31f8c197570a

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Letzte Aktualisierung: 27.01.2026

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